Kultur : Joachim Gauck: Seelsorger des Volkes

Robert Ide

Als kleiner Junge stand er am Meer und schaute den großen Schiffen nach. Mit seinen Freunden tobte er auf Parkplätzen zwischen Autos herum. Die Nachkriegszeit in Rostock war für ihn eine Zeit der Entdeckungen. Dass die Schiffe Reparationen in die Sowjetunion schafften und die Autos beschlagnahmt waren, kümmerte nur die Erwachsenen. Doch irgendwann brach die Weltpolitik auch in die Kinderwelt ein. An einem Sommertag 1951 sah der Junge, wie sein Vater von zwei Männern abgeholt wurde. Danach war er für Jahre verschwunden, verschleppt in ein Straflager am Baikalsee. An jenem Tag ist Joachim Gauck erwachsen geworden. Der 11-Jährige war politisiert.

Fast 50 Jahre später gilt Gauck als moralische Instanz. Der Hüter der Stasi-Unterlagen hat die Aufarbeitung der DDR-Geschichte maßgeblich geprägt und genießt Achtung im vereinten Land. Über Parteigrenzen hinweg. Nun übergibt Gauck die Behörde, die im Volksmund seinen Namen trägt, an die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler. Der Journalist Norbert Robers nimmt den Stabwechsel zum Anlass, Gaucks Weg vom Landpastor zum Vollblut-Politiker nachzuzeichnen. Ergebnis ist ein detailliertes und persönliches Buch, dem jedoch zuweilen die kritische Distanz fehlt.

Gaucks Werdegang wird anschaulich geschildert. Politische Gängeleien während seiner Schulzeit werden ebenso beschrieben wie die Hobbys des jungen Gauck - Gedichte schreiben und Handball spielen. Nachdem ihm von oben das Germanistik- und Geschichtsstudium verweigert wurde, ging er zur theologischen Fakultät. Lustlos kämpfte er sich durch das Alte Testament, ehe er dann 1965 die Hochschule mit dem Prädikat "genügend" verließ. Die Prüfungskommission war lediglich von seiner Abschlusspredigt beeindruckt.

Ein fleißiger Prediger

Erst in der praktischen Arbeit fand Gauck seine Erfüllung. In Lüssow, einer 800 Einwohner zählenden mecklenburgischen Gemeinde, bekam er eine Stelle als Pastor. Von da an knatterte Gauck mit dem Motorrad übers flache Land, um den Menschen christliche Botschaften zu bringen. Der junge Prediger war fleißig, so dass er nach vier Jahren mit dem Aufbau einer neuen Gemeinde in einem Rostocker Neubauviertel betraut wurde. Fortan drängelten sich in Gaucks enger Plattenbau-Wohnung neben sechs Familienmitgliedern zahllose Gäste, um zu beten und zu diskutierten. Der engagierte Pastor geriet ins Fadenkreuz der Staatssicherheit. Bis zu sieben Spitzel machten sich in den 80er Jahren daran, ihn wegen seiner "feindlichen Einstellung" zu bearbeiten.

Unter ständiger Beobachtung der Staatsmacht entwickelte sich Gauck zum Taktiker. Innerhalb der Kirche kritisierte er das SED-Regime, in der Familie stritt er sich dagegen mit seinem ausreisewilligen Sohn. Er organisierte Kirchentage in Kooperation mit staatlichen Stellen, setzte jedoch eigene Vorstellungen durch. Nach und nach verzweifelte die Stasi an Gauck und legte seinen Fall 1988 zu den Akten. Der moralische Moderator hatte den Apparat besiegt.

Im Herbst 1989 spitzte sich die Situation in Rostock zu. Die Kirchen wurden voller, die Forderungen nach Demokratie lauter. Gauck prangerte in seinen Predigten immer unverhohlener das Unrecht der "herrschenden Parteischicht" an. Im Anschluss an eine seiner Reden formierte sich die erste Demonstration durch Rostock. Von da an war Gauck überall zu finden. Er gründete das Neue Forum mit, verhandelte mit der Stadt über Demonstrationsrouten und diskutierte im Fernsehen über die Zukunft des Landes. Gauck bekam das "Gefühl, wirklich gebraucht zu werden". Er entwickelte seine Fähigkeiten, sich auf politischem Parkett zu bewegen. Im März 1990 wurde er Abgeordneter in der ersten frei gewählten Volkskammer. Gauck ging nach Berlin, um die Aufarbeitung der Vergangenheit zu predigen. Er wurde, wie Robers treffend bemerkt, zum "Seelsorger eines ganzen Volkes". Seine Familie ließ er zurück - ein Preis, den er zu zahlen bereit war.

Die Charakterzüge von Gauck werden im Buch treffend herausgearbeitet. Dem Leser wird klar, warum Gauck bei der Einrichtung der Akten-Behörde der "richtige Mann am richtigen Ort" (Robers) war. Seine politischen Gefechte mit Manfred Stolpe und Gregor Gysi um deren Vergangenheit, aber auch der Streit mit Helmut Kohl um die Stasi-Abhörprotokolle überstand er weitgehend unbeschadet. Ob Gauck selbst zu eng mit dem SED-Staat kooperierte, versuchen derzeit Gerichte zu klären.

Keine Fragen an Betroffene

Robers scheut sich nicht, auch Schwächen des Akten-Amtes aufzuzählen, etwa die nach wie vor beschäftigten ehemaligen Stasi-Mitarbeiter oder die Problematik einer freien Forschung innerhalb der Behörde. Leider versäumt es der Autor an diesen sensib-len Punkten, Betroffene zu befragen. Bereits in der Einleitung schreibt der Autor, dass Gauck ihn wiederholt ermuntert habe, "auch kritische Stimmen zu Wort kommen zu lassen". Für einen Biografen eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Trotzdem, das Buch kann sich in der Debatte um die weltweit einzigartige Aufarbeitungs-Behörde lesen lassen. Der Aufstieg eines mecklenburgischen Pastors zum Gewissen der Nation wird präzise referiert und historisch eingeordnet. Spannender Höhepunkt des Buches - und auch der bisherigen politischen Karriere Gaucks - ist die Durchsetzung der Aktenöffnung im Zuge der deutschen Einheit.

Entgegen der Schlussstrich-Rufe aus dem Osten und westlichem Drängen auf Aktenvernichtung schmiedete Joachim Gauck eine große Koalition gegen das Vergessen. Mit taktischem Geschick und Unterstützung der Bürgerrechtler konnte er die Einrichtung der Behörde in Ost-Berlin und Bonn schließlich durchsetzen.

Kein Wunder, dass ihn die frei gewählte Volkskammer und schließlich der Bundestag mit breiter Mehrheit zum Beauftragten für die Stasi-Dossiers bestimmten. Bei seiner ersten Wahl schlug ihn übrigens Marianne Birthler als Kandidaten vor - zehn Jahre, bevor sie nun in seine Fußstapfen tritt.

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