Joachim Sartorius' "Handbuch der politischen Lyrik" : Die Schwerter, die Lieder

Was wirklich gesagt werden muss - und nie zu Ende ist: Joachim Sartorius versammelt in einer aufregenden Anthologie die politische Poesie des 20. Jahrhunderts.

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Die Trauben und der Wind - und der chilenische Lyriker Pablo Neruda, 1972 bei einer Kundgebung in Santiago.
Die Trauben und der Wind - und der chilenische Lyriker Pablo Neruda, 1972 bei einer Kundgebung in Santiago.Foto: akg-images

Welche desaströsen Folgen es hat, wenn man politische Poesie den Imperativen einer Gesinnungsästhetik unterstellt, hat zuletzt Günter Grass vorgeführt. Seine grobschlächtige Polemik gegen die „Atommacht Israel“ hatte er im April 2012 als „Gedicht“ deklariert („Was gesagt werden muss“) – mit durchaus großer Breitenwirkung. Dieses „Gedicht“ verband rhetorische Fragen mit Halbwahrheiten und Unterstellungen zu einer bräsigen Melange der Meinungsfreude. Und war zugleich ein Musterbeispiel für jene „schlechte Tendenzdichtung“, die dereinst der politisch ebenso irrtumsanfällige Bert Brecht als Regelfall der Gattung beschrieb. „Flach, leer, platt werden Gedichte, wenn sie ihrem Stoff die Widersprüche nehmen“, hatte Brecht gemahnt – und diese Einsicht ist erkenntnisleitend für jeden Versuch, sich systematisch mit dem politischen Gedicht zu beschäftigen.

Wenn sich nun ein kluger und polyglotter Lyrik-Editor wie Joachim Sartorius die Aufgabe stellt, ein „Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert“ zu komponieren, weiß er natürlich um die Fallgruben des Genres. Als zentrales Kriterium seiner Auswahl hat er in seinem Vorwort denn auch das zeitdiagnostische Moment und die politische Signifikanz der von ihm ausgewählten Gedichte markiert, die hier als Brennspiegel der politischen Umbrüche und Verwerfungen im letzten Säkulum präsentiert werden. Seine Anthologie will „eine andere, ungewöhnliche Spielart des Geschichtsbuchs“ sein. Im Vordergrund steht also die zeithistorische Prägnanz der Texte, nicht ihre Poetizität. Sartorius leistet sich die Kühnheit, auf einige Klassiker zu verzichten und dafür die internationale Perspektive gegenüber vergleichbaren Anthologien ernorm zu erweitern

Einige poetische Schwergewichte sucht man in seinem Handbuch vergebens – etwa Ezra Pound, der mit seinen Anbiederungen an Mussolini zur tragischen Gestalt politischer Lyrik geworden ist. Auch fehlen Federico García Lorca, der 1936 von Francos Falangisten erschossen wurde, und der Franzose Robert Desnos, der nach Buchenwald verschleppt wurde und 1945 an den Folgen der KZ-Haft starb. Nicht einmal Gottfried Benn taucht als Dichter auf, der Meister der poetischen Selbstentzündung, der sich mit seinem opportunistischen Appeasement gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern geistig zu ruinieren drohte. Und das, obwohl der Fall Benn eine besonders aufschlussreiche Lektion über das fatale Verhältnis von Poesie und Politik darstellt. Auch der kanonische Referenztext für die Schrecken der Todeslager, Paul Celans „Todesfuge“, bleibt ausgespart – aber sie erscheint dann doch in Gestalt einer Kontrafaktur, verfasst vom bosnischen Poeten Mile Stojic.

Von hohem Gebrauchswert sind auch die kompakten Autorenporträts

Am Beispiel Paul Celans kann man die subtile Strategie des Anthologisten Sartorius erkennen. Statt die geläufigen Texte zu den politischen Umbrüchen des Jahrhunderts, wie sie auch schon vereinzelt in Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“ (1960) und Harald Hartungs „Luftfracht“ (1992) gesammelt waren, erneut auszubreiten, bevorzugt Sartorius die lyrische Überraschung, den originellen Fund. So gibt es von Celan das verstörende Gedicht „Schibboleth“, eine lyrische Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg, und die Miniatur „Einem Bruder in Asien“, eine Auseinandersetzung mit dem Krieg in Vietnam. Dass politische Poesie keine rhetorische Opulenz benötigt, zeigen die drei Zeilen René Chars, der in seinem Gedicht „3. September 1939“ einen Singvogel anruft, um den Beginn des Zweiten Weltkriegs anzukündigen: „Der Pirol flog ein in die Hauptstadt der Morgendämmerung. / Das Schwert seines Liedes schloss das traurige Bett. / Alles war aus für immer.“

Dass Sartorius trotz vieler Weglassungen eine aufregende Anthologie gelungen ist, verdankt sich seiner Entscheidung, das Zeitalter der Extreme nicht aus eurozentristischem Blickwinkel zu betrachten, sondern die Katastrophen des Jahrhunderts in ihre internationalen Kontexte zu rücken. So wird das Handbuch nicht mit einem Kapitel über die europäische Schlüsselkatastrophe des Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, eröffnet, sondern mit einem kleinen Dossier über den Genozid an den Armeniern. Am Anfang steht dabei ein Gesang von „schwarzer Trauer“, ein ergreifendes Gedicht des Armeniers Komitas Vardapet: „Aprikosenbaum, trage keine Früchte, Waj! / Reibe deine Äste nicht aneinander, Waj! / In deinem Schatten wandere ich immer, / rühre nicht an meinen Kummer. / In deinem Schatten wandere ich immer, / rühre nicht an meinen Kummer. Ja, geht, geht zurück!“

Solche Funde wie die erstmals auf Deutsch veröffentlichten Gedichte des armenischen Poeten, die lyrischen Lektionen über die kolonialistischen Verheerungen in Afrika und nicht zuletzt die poetischen Entdeckungen im Kapitel über die Kriege in Korea, Kambodscha und Vietnam verhelfen dieser Anthologie zu ihrem poetischen Rang. Die Texte der vietnamesischen Autoren Pham Tièn Duàt und Ché Lan Vièn sind überhaupt erstmals in deutscher Sprache zu lesen, und ein Gedicht des Isländers Stefán Hördur Grimsson zeigt mehr von den Schrecken des Vietnamkrieges als ganze Bibliotheken mit meinungsstarkem Agitprop.

Von hohem Gebrauchswert sind zudem die kompakten Autorenporträts und die facettenreichen Kontrastierungen in der Textkomposition dieser Anthologie. Das Kapitel über den Nahen Osten etwa konfrontiert Gedichte des jüdischen Elegikers Jehuda Amichai mit den bewegenden Poemen des 2008 verstorbenen Palästinensers Mahmoud Darwisch. In einigen Fällen präsentiert Sartorius – in dokumentarischer Absicht – auch Gedichte von lyrischer Taubheit, weil sie entweder plumpe Hagiografie betreiben („Und rein wie ein Kind / rein wie ein Mensch / Che Kommandante / Amigo“) oder sich in zorniger Despotenschmähung erschöpfen. Politische Lyrik tut sich mitunter schwer, Binsenweisheiten und Besserwisserei abzuwehren. Zudem sieht sie sich einer Paradoxie gegenüber, die mitunter schwer auszuhalten ist. Der polnische Dichter Ryszard Krynicki hat diese Paradoxie in einem Dreizeiler zusammengefasst: „Schlechte Gedichte / bekehren den Despoten nicht. / Das gilt, leider, auch für die guten Gedichte.“

Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause. Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 350 Seiten, 22,99 €.

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