Kultur : Joachim von Vietinghoff: Der erste Fan

Nadja Geer

Der Produzent entscheidet, ob und wie ein Film gemacht wird. Sagt er Go, dann sieht die Zukunft für die Filmeschaffenden rosig aus. Aber kennt der Kinogänger den Mann im Hintergrund, den finanziellen Strippenzieher in "Ansichten eines Clowns", "David" oder "Mit brennender Geduld"? Wohl kaum. Mit der Ausstellung "Bilder / Stories / Filme - Der Produzent Joachim von Vietinghoff" möchte das Filmmuseum diese Wahrnehmungslücke schließen.

Vietinghoff ist der Produzent des aktuellen deutschen Kinohits über den Freak "Viktor Vogel", der (mit Hilfe von Opel!) ins big business einsteigt (vgl. Tagesspiegel vom 12. 4.). Seine Produktionsfirma hat den Commercial Man zusammen mit der "Deutschen Columbia Pictures" zum Leben erweckt. Seit Vietinghoff Mitte der sechziger Jahre eine erfolgreiche Karriere als Fotograf und Bildreporter an den Nagel hängte - unter anderem arbeitete er für Keystone - um, wie er sich ausdrückt, "die Bilder zum Laufen zu bringen", mischt Vietinghoff im neuen deutschen Film mit.

1968 gründet er mit Franz-Josef Spieker seine eigene Produktionsfirma. Schon seine erste Eigenproduktion, "Wie ich ein Neger wurde" von Roland Gall, wird nach Cannes eingeladen. Er arbeitet mit Edgar Reitz und Alexander Kluge zusammen, produziert Filme von Peter Lilienthal, Luc Bondy, Matthias Zschokke, Helma-Sanders Brahms und Béla Tarr. Auch "Werckmeister Harmoniak", der jüngste Tarr-Film, der auf der diesjährigen Berlinale zu sehen war, stammt aus dem Hause Vietinghoff.

Joachim von Vietinghoff, der am 8.Mai seinen Sechzigsten feiert, kann fraglos auf ein ungewöhnlich produktives Leben zurückschauen. Aber wie stellt man die Arbeit eines Filmproduzenten dar? Nicole Rother hat die Ausstellung gestaltet und ein sinnliches und schönes Erlebnis daraus gemacht. Naturgemäß wird viel mit Fotografie gearbeitet: der Produzent bei den Dreharbeiten, mit Filmemachern und Schauspielern, auf Partys. Aber es gibt auch die Fotos zu sehen, die er selbst für "Keystone" geschossen hat. John Lennon während einer Drehpause zu Richard Lesters Film "How I Won The War", die junge Hildegard Knef in einem Augenblick, in dem sie sich unbeobachtet fühlt, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle händeschüttelnd vor dem Bonner Rathaus - großartige Schnappschüsse. In Augenhöhe, zum Drumherumlaufen, wie durch einen Fotogarten. Daneben ein hoher Turm aus bunten Kladden - Drehbücher, die Vietinghoff erhalten hat, sicherlich nicht alle. Nebenan, schön im Rondell angeordnet, veranschaulichen Berge von Aktenordnern, wieviel Bürokratie in einem Film steckt. Graue Holzquadrate laden zum Sitzen ein, davor Fernsehgeräte, die einen Eindruck von der Vielzahl der Produktionen vermitteln.

Es sei die Vision, die einen Filmproduzenten antreibe. Die Verantwortung und das Risiko, die mit diesem Startschuss einhergingen, seien gewaltig, sagt Vietinghoff. Produzenten sind immer die ersten Fans - lange, bevor ein Film überhaupt existiert.

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