Jochem Steinle : Kunstsammler - Warhol im Glashaus

Architektur für die Kunst: Ein Blick in das Leben des Kunstsammlers Jochem Steinle und sein Domizil in Pankow.

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Was tun, wenn die Wände und Räume der Wohnung nicht mehr ausreichen, um die eigene Kunstsammlung aufzunehmen? Jochem Steinle, der in Berlin sein Geld mit gastronomischen Betrieben verdient, stand vor diesem Problem. Seine Sammelleidenschaft entzündete sich vor neun Jahren an einer schlichten Postkarte. Einer Postkarte mit Signatur von Joseph Beuys allerdings. Er wollte mehr von Beuys und anderen, besuchte Messen und Galerien und baute eine Sammlung auf.

Steinle sammelt nicht systematisch, nicht um seine Kennerschaft zu beweisen und nicht mit dem Ziel der Geldanlage. Er kauft, was ihn anspricht, was er auf Reisen kennenlernt, wofür er sich begeistert. Ob internationale Künstler wie Damien Hirst oder Andy Warhol (sein letztes Porträt von Mildred Scheel), Matthew Barney oder Einheimische wie Sebastian Schrader und Norbert Bisky. In Südafrika hat er Frank van Reenen mit seinen Popart-Figuren für sich entdeckt, in Ostasien die Kunst älterer Epochen. Beim Rundgang erzählt er mit Verve die Geschichten, die für ihn mit jedem Stück verbunden sind.

Als das Haus, das er sich in Pankow unweit des Schlosses Schönhausen in der Stillen Straße gebaut hatte, sich als zu klein erwies, suchte er Ideen für einen Anbau. Die Architekten Antje Freiesleben und Johannes Modersohn schlugen vor, auf der Gartenseite axial einen Pavillon anzufügen. In der Diskussion mit dem Bauherrn wurde der Neubau formal immer reduzierter, idealistischer. Was schließlich gebaut wurde, war ein delikates Glashaus von Mies’scher Einfachheit. Acht runde Betonstützen, eine nahezu quadratische Betonplatte als Dach und ringsum Glaswände von 3,20 Metern Höhe.

Je einfacher ein Bauwerk erscheint, desto komplizierter ist es bekanntlich zu realisieren. Die Wärmedämmung muss nachgewiesen werden, was Dreifachscheiben notwendig machte. Die Stützen wurden etwas stärker, weil es keine Wände gibt. Dachentwässerung, Installationen und Beleuchtung sollen nicht ins Blickfeld geraten und müssen sorgfältig versteckt werden. Die grüne Kulisse des Gartens soll die Wände bilden und nichts zwischen dem weißen Terrazzoboden und der Sichtbetondecke soll das Auge stören.

Merkwürdigerweise gilt der Anbau baurechtlich als eigenes Gebäude und musste mit einem Mindestabstand vom Haus abgesetzt werden. Die Architekten ließen sich bei der Gestaltung der Lücke zwischen Bestand und Neubau fernöstlich inspirieren und legten neben dem gläsernen Verbindungsgang japanisch anmutende Wasserbecken an. Der Hausherr nutzt diese transitorische Zone zwischen Haus und Pavillon zur Aufstellung seiner ostasiatischen Sammlerstücke.

Der Pavillon selbst ist ein multifunktionaler Raum, ein kontemplativer Ort im Grünen, Gartensalon für Empfänge, Wintergarten oder Skulpturengalerie nach Bedarf und Laune. Steinle begeht nicht den Fehler, das Haus mit Kunst zu überfüllen. Lieber sorgt er von Zeit zu Zeit für Wechsel. So hat die Kunst genügend Raum, ihre Aura zu entwickeln und der Raum genügend Muße, sich zum Architekturerlebnis zu entfalten.

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