Joe Henry live : Die dunkle Seite

Der amerikanische Singer-Songwriter Joe Henry gibt ein fabelhaftes Konzert im Berliner Quasimodo.

H. P. Daniels
Joe Henry.
Joe Henry.Foto: Ear Music

Joe Henry wirkt wie eine Figur aus einem Schwarz-Weiß-Film der 50er Jahre: Dunkles Jackett mit Weste über weißem Hemd und Bluejeans, schwarze Rock ’n’ Roll-Locken und eine kleine Parlor-Gitarre. Ganz allein steht er auf der Bühne des angenehm gefüllten Quasimodo, wie in einem Salon, alles sehr konzentriert, aufmerksam einander zugewandt, Künstler und Hörer, Sänger und Songs. Ohne eine Spur von Künstlichkeit, alles gut geerdet. Wie ein unterkandidelter Tom Waits mit einem leisen Hauch von Rauch und Blues, blauem Soul und Gospel singt Henry „Life takes root in the deepest dark ground / Where bones blood and honor have been trampeled down … But you are the mouth of my river / The star of my every dream.“ Und hat damit schon im ersten Lied umrissen, worum es geht in seinen lyrischen Songpoemen: Die dunklen Seiten des Lebens, die Risse und Sprünge menschlicher Existenz, in die aber immer wieder strahlendes Licht dringt. Glauben, Hoffnung und die große Kraft der Liebe. „Progress Of Love“, „Like She Was A Hammer“, „Eyes Out For You“. Da kommt Henrys 22-jähriger Sohn Levon zur Verstärkung, bläst ein nebelhornjazziges Sax und sieht dabei verblüffend aus wie Madonna, mit deren Schwester sein Vater seit 27 Jahren verheiratet ist.

Joe Henry spielt sparsam und wunderbar

Von der Verbindung zwischen Menschen handelt Joe Henrys gerade erschienenes exquisites Album „Invisible Hour“. Vom Versprechen, jemanden durchs Leben zu begleiten, durch kleine und große Katastrophen, Erschrecken vor Alter und Endlichkeit. Bis zum Verlust der Erinnerung, dem großen Vergessen. „I take this to be holy / If futile uncertain and dire … Our union of fracture our dread everlasting … this beautiful desperate desire“ singt Henry in „Grave Angels“. Er spielt die Gitarre in Dropped-D-Stimmung, unaufdringlich und schön, ringelt offene Akkorde über das Griffbrett, Open Tunings mit einer keltischen Folknote, wie das fabelhafte „Swayed“, das melodisch und harmonisch vage Erinnerungen an Led Zeppelins „Going To California“ weckt, bevor es in einen ganz eigenen Jazz abbiegt. Was für ein Erlebnis, den Produzenten herausragender Alben von Solomon Burke, Bonnie Raitt, Billy Bragg und vielen anderen, mit seinen eigenen Songs so sparsam und wunderbar im Konzert zu erleben. Hundert kostbare Minuten.

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