Kultur : Johan van der Keuken gestorben: Mit den Augen des Abenteurers

Gregor Dotzauer

Filme, sagte er, seien so etwas wie Totenbücher. Johan van der Keuken dachte dabei vielleicht auch ans Tibetische Totenbuch und nicht nur an den unter Kritikern schicken, viel zu oft zitierten Satz von Jean-Luc Godard, dass Filmen heiße, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen. Denn van der Keuken, der Sozialist und Intellektuelle, war diesen Anblick seit jeher in ganz unmittelbarem Sinn gewohnt. Und van der Keuken, der Mystiker und Buddhist, versuchte, ihm einen Sinn abzugewinnen, dem sich der Vernunftmensch stets verschloss. Der Filmemacher, Fotograf und Essayist, 1938 in seiner Heimatstadt Amsterdam geboren, hatte immer ein Auge auf das, was Menschen schleichend oder auch auf einen Schlag vernichtet: Armut, Hunger, Krieg. Mit seiner Handkamera bereiste er die Welt und entdeckte ein ums andere Mal, wie verschont man in Europa lebt. Er hielt aber auch früh fest, was in seiner Familie geschah: mit seinen Kindern, seiner Frau. Poesie und Tragödie waren Nachbarn in seinen Filmen - auch wenn er beiden die gleiche strenge, ungerührte Form gab.

Das Wechselspiel von Nähe und Ferne, das er 1996 in "Amsterdam Global Village" zum Thema machte, bewegte sich mit zunehmendem Lebensalter in einer Weise auf ihn zu, die auch an seinen politischen Überzeugungen fraß. Van der Keuken, der in den 80er Jahren schon einmal eine Krebserkrankung überstanden hatte, sah den Tod nicht kommen, aber er hatte plötzlich einen Umgang mit ihm, der es plötzlich nötig machte, sich mit dem Sterben seiner krebskranken Schwester Joke zu beschäftigen ("Letzte Worte - Meine Schwester Joke", 1998).

Johan van der Keukens cinéma du réel galt nach dem Tod von Joris Ivens als das bedeutendste dokumentarische Werk des zeitgenössischen Kinos. Es ist ein Werk , dem man sich auch in Buchform nähern kann: Der Bild- und Textband "Abenteuer eines Auges" (Stroemfeld/Roter Stern; eine stark aktualisierte Ausgabe ist auf Französisch im Verlag der "Cahiers du Cinéma" erhältlich) gibt auch Aufschluss über sein Denken: eine Biografie in Arbeitskommentaren und Kolumnen für die Zeitschrift "Skrien".

Im letzten Jahr stellte er auf der Berlinale nun "Die großen Ferien" vor, einen Film, in dem er seine eigene, neu ausgebrochene Krebserkrankung reflektierte: ein ethnologischer Reisefilm bis nach Tibet in der besten eigenen Tradition - und der Versuch, nicht Gefühle zu erpressen, sondern rational Haltung zu bewahren. Es war, konnte man nach diesem Berlinale-Höhepunkt schreiben, das Testament eines Mannes, der allmählich erfährt, dass er überleben wird: Ein homöopathisches Mittel, empfohlen von einem New Yorker Arzt, hatte ihm Linderung verschafft. In einem Tagesspiegel-Gespräch erklärte er darauf, dass die Todesangst, der er im Film durchaus ironisch Ausdruck verleihen wollte, sich ja nicht bewahrheitet habe: "Ich bin zwar noch nicht 90, aber ich lebe."

Darauf standen in der Redaktion die Telefone nicht mehr still: Niemand interessierte sich für den Film, aber alle für den Namen des Medikaments. Und einen Moment konnte man sich fragen: Haben die Leute nichts Wichtigeres im Kopf? Seit vergangenem Sonntag sehen die Dinge anders aus: Johan van der Keuken ist mit 62 Jahren in Amsterdam gestorben.

Noch vor sechs Wochen sandte er ein Lebenszeichen, in dem er dem Gespräch vom Februar noch etwas hinzufügte, was damals, als letzter Satz seines Briefes, ziemlich kryptisch klang: "Natürlich gab es in meinem Film Selbstironie, aber jetzt hätte ich sie stärker gemacht." Jetzt versteht man dieses Jetzt. Man möchte sich vorstellen, dass Johan van der Keuken tatsächlich in die großen Ferien abgereist ist. Denn die, die seine Filme lieben, bleiben zwar zurück in einer ausgestorbenen Stadt. Aber wenn das Bild stimmt, sind sie irgendwann zu Ende, und der kluge und liebenswerte Johan van der Keuken kehrt zurück.

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