John Banvilles Roman „Die See“ : Satyr am Strand

John Banvilles preisgekrönter Roman „Die See“

Nico Bleutge

An der See verlieren die Dinge ihren Halt. Die Welt besteht nur noch aus schmalen Waagerechten, alles reduziert sich auf ein paar lange, gerade, zwischen Himmel und Erde gezwängte Linien. Hier hat selbst die Stille ihren eigenen Charakter. Als sei die Wirklichkeit für Momente angespannt, dicht und doch seltsam leer, wie die Luft in einer Taucherglocke. Aber der Erzähler verspürt noch etwas anderes: „Sie gleicht der Stille, die ich aus den Krankenzimmern meiner Kindheit kannte, wo ich, wie eingesponnen in einen Kokon, fiebernd in einer Mulde aus feuchten Decken lag und mir die Leere auf die Trommelfelle drückte.“

Wenn der irische Schriftsteller John Banville zu schreiben beginnt, scheint die Zeit zu verschwimmen. Vergangenheit und Gegenwart, Kindheit und Alter gleiten unmerklich ineinander. Selbst das Ich, dieser große Herrscher im Hintergrund, verliert bisweilen seine Macht. Mit leichter Hand entwirft Banville Szenen und Gedankenspiele, die immer wieder tief in die menschlichen Schattenwelten hineinreichen. In einem Denken, das sogar den Dingen eine „brutale Selbstgefälligkeit“ zuspricht, sind Krankheit und Sterben nur die anders gefärbten Seiten des Lebens. „Schreiben ist immer auch ein Ankämpfen gegen den Tod“, hat John Banville einmal gesagt.

Für einen Mann, der am liebsten feines irisches Tuch trägt, hält er sich zu Tagesfragen überraschend bedeckt. Der Politik seines Landes geht Banville allenfalls in Zeitungsartikeln nach, ein Geschäft, das er als ehemaliger Journalist wie nebenbei erledigt. Die meiste Zeit verbringt er ohnehin zu Hause über dem Papier. Dort, an seinem Schreibtisch im Dubliner Vorort Howth, ist Banville nie allein. Beim Schreiben unterhält er sich stets mit den Grenzgängern des Geistes. Kafka und Kleist, Nietzsche und James Joyce – sie blicken ihm über die Schulter wie gute Vertraute. Doch seine größte Leidenschaft ist zweifellos das Wasser. Nicht zufällig wohnt er seit einigen Jahren an der Küste, in einer Gegend, in der sich Land und Wellen manchmal kaum unterscheiden lassen.

Seinen neuen Roman hat John Banville als großes Meeresbild angelegt. Max Morden, Kunsthistoriker mit ironischer Neigung, kehrt zurück in jenen maritimen Urlaubsort, in dem er als Kind glückliche Tage verbrachte. Staunend stellt er fest, wie wenig sich in den letzten fünfzig Jahren verändert hat – kein günstiger Umstand, hat Max sich doch vorgenommen, „in den Trümmern der Vergangenheit zu leben“. Seit dem Tod seiner Frau Anna ist ihm das Leben vollends aus den Fugen geraten, die Reise an die Küste scheint zunächst nicht mehr zu sein als eine Flucht. Es zeugt von John Banvilles kompositorischer Stärke, wie er die Zeitschichten ineinander schiebt: Max’ Erinnerungssuche und die Zeit seiner Ehe, Annas langsames Sterben und die einstigen Tage am Meer, da sich Max in das Leben der gut situierten Familie Grace einschlich.

In seiner Kindheit war Max nicht nur der kränkelnde Junge, sondern auch „ein kleines Scheusal mit schmutzigen Gedanken“. Am Meer, in der Weite der anbrandenden Wellen, fühlt er erste Begierden. Er verliebt sich in Connie Grace, die Mutter der bewunderten Familie, später in ihre Tochter Chloe. Mit ihrer Kälte bindet ihn die knabenhafte Chloe an sich. Doch Max bleibt mit zwiespältigen Empfindungen zurück. Darin ähnelt er dem erwachsenen Ich-Erzähler, der seine Trauer immer wieder mit melancholisch grundierten Bosheiten zu überdecken versucht. Trotzdem erzählt er von der Vergangenheit mit einer Offenheit, die Härte und Taktgefühl in Spannung hält.

John Banville zeigt sich wie so oft als Beschwörer der Uneindeutigkeit. Die Zeiten, der Tonfall, die Beziehungen – alles ist in sich gebrochen. Selbst die vermeintliche Kindheitsidylle wird früh von feinen Spuren der Zerstörung durchzogen. Als Max einmal mit Chloe am Strand spielt, erinnert er sich an eine Szene mit Grashüpfern: „Ich riss jedem ein Hinterbein aus, damit sie nicht entkommen konnten, legte die zuckenden Torsi auf den Deckel einer Schuhcremebüchse, tauchte sie in Paraffin und zündete sie an. Und Chloe hockte davor und sah verzückt zu, wie die unglückseligen Kreaturen im eigenen Fett gebraten wurden.“ So ist es nur konsequent, wenn sich bald auch das Selbstgefühl des reifen Erzählers aufzulösen beginnt. Erst stellt er seine Existenz als Kunsthistoriker in Frage, nach und nach verwischen ihm die Erinnerungen. Am Ende ekelt er sich vor dem eigenen Körper, und sein Gesicht gleicht für Momente dem Strand mit seinen Resten, „nichts als Ränder, brackig und schimmernd“.

Banvilles Roman lebt über weite Strecken von seiner atmosphärischen Kraft. Dem Erzähler gelingt es stets aufs Neue, Szenen und Geschichten sinnlich aufzuladen. Der Geruch des Meeres, glimmende Strandlampen, manchmal nur ein zuckender Finger – solche Momente reiner Gegenwärtigkeit machen etwas fühlbar vom längst vergangenen Glück der Kindheit. Doch über den Wahrnehmungsspuren liegt noch eine andere Schicht. Schon bei der ersten Begegnung mit den Graces meint Max zu bemerken, wie der Vater ihm „fast diabolisch zuzwinkert“. Wenig später ist von seinen „behaarten Satyrbeinen“ die Rede, und der sehnige Myles, Chloes Zwillingsbruder, verwandelt sich flugs in ein „Göttlein“. Mit dieser mythologischen Überformung hat sich Banville nicht nur Freunde gemacht. Als er 2005 für „Die See“ den Man Booker Prize bekam, sprachen sich die Kritiker vor allem gegen die scheinbare Künstlichkeit aus.

Dabei ist die luftgleiche Sphäre klug in den Ideen des Romans aufgehoben. So wie die Zeiten und die Grenzen der Figuren verschwimmen, ist jede Kleinigkeit immer schon ausgerichtet auf ein Sein zwischen Wachen und Traum. Max nennt es einmal einen „anderen Zustand“. Es ist der zutiefst künstlerische Wunsch, ausgedrückt, gesagt zu werden, nicht mehr Fleisch zu sein, sondern „verwandelt in den zarten Stoff des Geistes“. Diese Verwandlung gelingt John Banville mit seinen weit ausgreifenden Sätzen ein ums andere Mal. Wie die Wellen des Meeres machen sie eine Bewegung spürbar, die kraftvoll und zart zugleich ist, eine Bewegung, die anschwillt und in der sich Leben und Tod ganz nahe sind.

John Banville: Die See. Aus dem Engl. von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 218 Seiten, 17,90 €.

Der Autor präsentiert seinen Roman heute um 20 Uhr im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee, Am Sandwerder 5.

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