John Bock in der Bundeskunsthalle Bonn : Vier Mägen für die Kunst

Der Berliner Installations-, Film- und Performancekünstlers John Bock zeigt in Bonn sein Theater der Totalcollage und der neue Kunsthallendirektor Rein Wolfs gibt eine Ahnung davon, was er mit seinem Haus in Zukunft vorhat.

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Das große Kind. John Bock bei seiner Performance „Unzone/Eierloch“ (2012).
Das große Kind. John Bock bei seiner Performance „Unzone/Eierloch“ (2012).Foto: Raphael Binder

Stünde die Bundeskunsthalle doch in Berlin: ein Haus mit tollen Sälen und finanziellem Spielraum, den die geteilte Trägerschaft von Bund und Ländern gewährt. Was ließe sich damit hier in der Kohlenmine der Kunstindustrie aufziehen, wo die Werke mal eben aus den Ateliers zu holen wären. Nein, die Halle ist gut da, wo sie steht – schon als Bollwerk des Föderalismus. Außerdem kommt jetzt Bewegung in die Achse Bonn–Berlin, seit Rein Wolfs die Leitung übernommen hat. Der Niederländer hat zuletzt das Kasseler Fridericianum geleitet und weiß, was er von der zeitgenössischen Kunst will: mehr Solopräsentationen jüngerer Künstler, die in Deutschland arbeiten, was meistens heißt: Berlin.

Den Anfang macht die Ausstellung „Im Modder der Summenmutation“ des Installations-, Film- und Performancekünstlers John Bock, dessen Schau für die Temporäre Kunsthalle 2010 ein furioses Finale auf dem Berliner Schlossplatz lieferte. In einer vierstöckigen Gerüstkonstruktion hatte er 150 Exponate zu einem Parcours arrangiert. Er führte bis in die Erde und unter den offenen Himmel und reichte von Architekturzeichnungen John Hejduks bis zu einer Zigarette mit Jane Russels Lippenstiftabdruck.

„Ich strebe nach oben“, erklärt Bock. Bei all den Lewis-Carroll-artigen Durch- und Unterschlüpfen in seinen Installationen, den Körperflüssigkeiten, die in seinen Vorträgen vorkommen, und der Affinität zu landwirtschaftlichen Fachbegriffen läge es tatsächlich nahe, sein Werk im Ackerboden, im Subkutanen zu verorten. Stattdessen kommt er auf Debussy zu sprechen, der ihm mehr liege als Richard Wagner, an dem sich Jonathan Meese oder Christoph Schlingensief abgearbeitet haben, insbesondere dessen Leichtigkeit. Seit Jahren verkauft sich Bock in den USA besser als in Deutschland.Wenn seine Galerie Sprüth Magers in Los Angeles eine Dependance eröffnet, ist er an der Wirkungsstätte seiner einstigen Helden Paul McCarthy und Mike Kelley.

Auch wenn Bocks Kunst eine Materialschlacht zu sein scheint, besitzt sie doch ein undeutsche Leichtigkeit: freundlich und manchmal zart wie die Alltagsstimme des Künstlers, der mit seinen staunend großen Augen und den abstehenden Haaren wie ein kleiner Junge wirkt, der in eine Steckdose gefasst hat: immer auf Empfang, Spannung kurz vorm Überschlag. Physiognomische Beschreibungen verbieten sich, solange sie nicht auch die Kunstfigur selbst beschreiben wie bei John Bock. Sein Werk entfaltete sich in den Neunzigern gewissermaßen aus dem Koffer, der es ihm schon als Student erlaubte, mit wenigen Utensilien große Shows zu machen. Auch der Koffer ist eine französische Geste, er erinnert an Duchamps tragbares Museum.

Mit 48 Jahren ist Bock im sozusagen schwersten, weil repräsentativsten Gegenwartsmuseum der Republik eingezogen. Es gelingt ihm, die Betonfestung stellenweise aus den Angeln zu heben. Wie die Antithese zur Schlussausstellung der Temporären Kunsthalle am Berliner Schlossplatz liegt der zweite Saal fast leer. Im gleißenden Neonlicht steht eine einzige Vitrine auf schmalen Stelzen, darin ein Härchen: „Das Nasenhaar der Schauspielerin“, wie eine Plakette verkündet. Das lässt sich als Persiflage auf die Aufwertungsmechanismen von Kunsträumen lesen, auch wenn sie heute nicht mehr sakrosankt sind wie 1957, als Yves Kleins leere Vitrine in einer leeren Galerie noch einen radikalem Bruch darstellte. Bock erweist sich als Erbe der Dadaisten mit ihren Entkopplungen von Zeichen wie Zeige- und Sprechakten. Der leere Saal fügt sich in sein Theater der Totalcollage disparater Dinge ein, das auch die Bewegungen der Betrachter einbezieht.

Dem Werk des Künstlers ist mit Definitionen kaum beizukommen. Nur so viel lässt sich sagen: Es stemmt sich auf ganz eigene Weise in die Welt hinein. Eine Möglichkeit, ihn zu verstehen, wäre es, die Perspektive umzukehren und Bocks Kunst als das Normale anzusehen und die Welt als eigenartiges Kunstprodukt. In der Welt gibt es Sprachen, auf deren Grammatiken man sich verlassen kann. Bocks Sprechakte bestehen aus fortwährenden Wechselfällen: „Der 8-Eckenraum kollabiert, im sauren Adam-Smith-Kosmos“, säuselt seine Stimme aus dem Off. In der Welt darf der Patient einen Arzt als vertrauenswürdiges Gegenüber erwarten, der nach standardisierten Methoden vorgeht. Bei Bock ist der Patient nicht nur einem Psychopathen ausgeliefert, er ist auch noch dessen Doppelgänger. Der Installationskünstler Adrian Lohmüller, im Film Bocks Zwilling, stellt ächzend die angedrohte Blinddarmentnahme infrage: „Ist das wirklich nötig?“ „Nötig nicht“, raunt Bock, „besser schon.“

In der Welt gibt es Abenteuerfilme wie „Fluch der Karibik“, die kollektive Träume in berauschende Illusionen übersetzen. Bock steht als Wiedergänger von Jack Sparrow auf einer schwankenden Barkasse und staucht seinen Steuermann zusammen: eine Handpuppe, der er eine Eiterblase in Form eines Luftballons entnimmt. „Ich bin aus Abfall gemacht“, erklärt der Steuermann. In Bocks Theater liegen alle Mittel offen, es gibt Fiktion, es gibt Fantastik, nie aber Illusion. In der Welt gibt es Bücher, bei denen Gestaltung und Inhalt übereinstimmen. Das Künstlerbuch „Meechfieber“ mit Bocks gesammelten Skripten und Vorträgen erscheint wie ein medizinisches Nachschlagewerk, aber sprengt mit seinen 1152 Seiten jeden Rahmen – wie seine Installationen.

Immer dichter sind die Räume der Ausstellung bestückt, als würde den Besucher ein riesiger Verdauungstrakt verschlingen. Ein aufgeblähter Strickpullover spannt sich durch den Raum. Runde Scheiben mit Op-Art-Mustern lehnen neben Melkmaschinen. In einem um zwanzig Grad gekippten 40er-Jahre-Zimmer liegt eine erschlaffte Riesenpuppe. Bock gestaltet seine Filme und Räume wie Träume. Scheinwerfer machen sie zu Filmsets.

Passt auf John Bock die Metapher vom Künstler als Alchemisten? Einen solchen spielt er in einem Stummfilm, auf dessen Höhepunkt er als Puppe per Geisterbahneffekt aus der Leinwand gefahren kommt. Nein, Bock betreibt eine Kunst der radikalen Verdauung, genauer: Verwurstung. Nicht vier Mägen hat dieses Werk wie die Kuh, sondern endlos viele. Es frönt nicht dem Chaos, sondern den Spannungen, die sich ergeben, wenn man Ordnungen mit jener Absurdität konfrontiert, die darunter schlummert.

Bundeskunsthalle Bonn, bis 12. Januar; Katalog (Walter König Verlag) 39,80 €

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