Kultur : John Brown, mein Vater: Weiße Haut, schwarze Seelen

Michael Adrian

"John Brown, mein Vater" erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit der Bibel in der Hand Menschenrechtspolitik betreiben wollte und darüber vom Prediger und Aktivisten zum Terroristen wurde. Mit der historischen Figur dieses leidenschaftlichen Sklavereigegners führt uns Russell Banks in seiner ausdrücklich erfundenen Geschichte ins Amerika um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Bürgerkrieg um die Sklavenfrage, der die Nation zerriss und schließlich neu begründete, ist nicht einmal am Horizont zu erahnen. Im Gegenteil - im spannungsreichen Verhältnis zwischen den Sklavenwirtschaften des Südens und den Industrie- und Handelsstaaten des Nordens scheinen sich die Befürworter der Sklaverei nach und nach politisch durchzusetzen und auch auf Bundesebene die Macht zu übernehmen. Ihnen gegenüber steht ein wehrloser Liberalismus, der sich in abolitionistischen Manifesten erschöpft und die leidige Rassenfrage am liebsten einfach los wäre.

Geld oder Gemeinde?

So sieht es jedenfalls John Brown. Den streng puritanischen Großfamilienvater, Schafzüchter, Laienprediger und Vorkämpfer gegen die Sklaverei zeichnet Russell Banks als amerikanisches Urbild: zerrissen zwischen dem Wunsch, ein Gemeinwesen auf der Grundlage der biblisch als Wille Gottes manifestierten Werte zu realisieren, und dem Verlangen, im pursuit of happiness obenauf zu bleiben - Geld zu machen. Scharfsinn und Menschenkenntnis, eine rhetorische Kraft, die jeden in Bann schlägt, und ein unbeugsamer Wille ermöglichen es John Brown und seinen Söhnen, entscheidend an der "Underground Railroad" mitzuwirken - einer für flüchtende Sklaven geheim organisierten Strecke von Verstecken, die von den Südstaaten bis an die Grenze Kanadas reicht.

Alle wirtschaftlichen Pläne jedoch zerschellen stets aufs Neue an Browns Mischung aus visionärer Spekulation und Starrsinn. Immer wieder muss die Familie ihre Zelte abbrechen, vor Schulden fliehen, eine neue Existenz aufbauen.

Aber nicht allein sein privates ökonomisches Scheitern und die Pannen der Sklavereigegner führen zu einer zunehmenden Radikalisierung John Browns. Beschleunigt wird dieser Prozess vor allem durch seinen Sohn Owen. Owen, der uns diese Geschichte fünfzig Jahre nach ihrem katastrophalen Ende erzählt, als alter, schuldbeladener Mann, tritt im Laufe der Chronik langsam aus dem Schatten seines so viel prägnanteren Vaters hervor. Oder sollte man sagen, er taucht immer tiefer in ihn ein und zieht seinen Vater schließlich in dessen eigene Schwärze hinab?

Denn es ist vor allem auch ein psychologisches Vater-Sohn-Drama, das Banks hier intelligent aber gemächlich entfaltet. Der Sohn, der dritte in einer kaum überschaubaren Schar, folgt seinem Vater bedingungslos wie seine Geschwister. Aber anders als ihnen gelingt es ihm nicht, die Werte und Ideale des Alten wirklich zu seinen eigenen zu machen.

Relais von Rasse und Begehren

Weder findet er zum Glauben, noch vermag er es, eine eigene Existenz aufzubauen. Und während John Brown sich ganz in der weißen Haut zu Hause fühlt, in der er mit Ingrimm und Verbitterung die Sklaverei bekämpft, die in seinen Augen alle, auch die Weißen unfrei macht, entwickelt Owen ein gärendes, unglückliches Bewusstsein seiner Hautfarbe. Die "Rassenfrage" scheint ihn nicht nur von den Schwarzen, sondern von allen Menschen zu trennen.

In einer der eher spärlichen wirklich packend gestalteten Szenen des Buches mündet Owens einziger, spät realisierter Versuch zu lieben in die Katastrophe. Schuldbewusst vermeint er, sich in die Frau des schwarzen Vorarbeiters, Freundes und Kampfgenossen der Familie verliebt zu haben. Aber, wie ihm auf einer langen gefährlichen Wanderung mit dem Freund klar wird, ist es in Wirklichkeit dieser Lyman Epps selbst, den Owen begehrt, an dem ihm zum ersten Mal die halb schon vergessene Möglichkeit aufscheint, durch einen anderen er selbst werden zu können. Mit tragischer Folgerichtigkeit führen nun die zwischen die beiden Männer geschalteten Relais von Rasse und Begehren ins Unglück.

Nach Lymans Tod wird Owen zum eigentlichen Motor des Geschehens. Sein Vater predigt zwar den zögerlichen Abolitionisten "Handeln, handeln, handeln!", Owen aber macht Ernst damit. Weil er keine eigene Lebensperspektive entwickeln kann, nimmt er die seines Vaters wörtlich. So wird eine Todesperspektive aus ihr. Auf dem durch Süd- und Nordstaatler im Wettlauf besiedelten Territorium von Kansas vollziehen die Browns den Schritt zum Terrorismus. Um sich von jenen abzugrenzen, denen die Vertreibung von Sklavereibefürwortern nur ein Vorwand zur Landaneignung ist, setzen sie ein Zeichen ihrer moralischen Ernsthaftigkeit. Zum innerweltlichen Korrelat der Reinheit der Ideen von Freiheit und Gleichheit werden die zerstückelten Körper einiger kleiner Farmer und ihrer Söhne.

Schritt für Schritt treibt Russell Banks seine Geschichte an diesen Punkt. Mitunter ist sein kaum je variiertes Erzähltempo aber auch schlicht behäbig. Gewiss sollte "John Brown, mein Vater" kein historischer Thriller werden; aber das entschuldigt nicht das Fettgewebe des Buches. Mitunter meint man, Banks verstünde unter erzählerischer Ökonomie, dass der Autor auch nicht ein Gramm seiner fleißig gesammelten Romanzutaten ungenutzt läßt. Komme, was wolle, eine neue Szenerie muß erst einmal beschrieben werden! Betrüblicher noch ist die pedantische Art, mit der der Leser vorgekaut bekommt, was er sich durchaus selbst hätte zusammenreimen können. Wozu etwa dient ein Wundverband? Owen erklärt es: "Jetzt konnte ich seine Verletzung mit Wasser, das ich auf dem kleinen Eisenofen erhitzte, auswaschen und mit Stoffstreifen verbinden, die ich von meinem Hemd riss und locker um seine Leiste schlang, damit er vor Infektionen und zufälligen Verletzungen geschützt war und der Heilungsprozess einsetzen konnte."

Von der Bibelmanie zum Terror

Dass Banks das Lesevergnügen auf diese Weise dämpft, ist bedauerlich (und nicht der guten Übersetzung von Inge Leipold anzulasten). Denn die Stärke dieser psychologisch aufgeklärten Romanstudie liegt zweifellos darin, dass sie keinen der miteinander verwobenen Stränge aus den Augen verliert, denen sich John Browns Weg in den Terrorismus verdankt. Gewiss, mit seiner Bibelmanie, die ihn am Ende bis hin zur visionären Zwiesprache mit Gott trägt, ist er eine leicht wahnhafte Gestalt. Aber Banks will die unbedingte Geltung, nach der die Idee von der Freiheit verlangt, keineswegs einfach auf die Psychologie ihrer Verfechter reduzieren. So sind seine Figuren auch ein wenig tragisch, und aus dem Buch steigt ein großes Fragezeichen auf.

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