Kultur : John Dew: Einsam in der Stadt der Liebe

Jörg Königsdorf

Mit den Jahren, sagt die ältere Dame auf dem Nebensitz, sei man sich doch näher gekommen. "Er hat keine Skandale mehr gemacht, und wir haben durch ihn eine Menge Neues und Interessantes kennen gelernt. Zuletzt wurde er noch nicht mal mehr ausgebuht." Das klingt wie ein Nachruf auf eine gescheiterte Beziehung, bei der man sich zum Schluss auf alle schönen Augenblicke besinnt. Später, am Ende des zweiten Premierenabends, wird das Publikum seinen Opernintendanten John Dew mit demonstrativem Beifall verabschieden.

Hier passiert etwas Besonderes

Schwamm drüber nach sechs Jahren Zoff ums Haushaltsgeld und ab ins Familien-Fotoalbum mit den Bildern von der Ehekrise, die dennoch ein in Deutschland vielleicht einmaliges Opernexperiment dokumentieren. Angetreten war Dew 1995 als unkonventioneller Regisseur und als erfolgreicher Stückausgräber, dem am kleineren Bielefelder Stadttheater gleich reihenweise Opernentdeckungen gelungen waren, die die Puddingpulver-Metropole ins Licht der Feuilletons rückten. Was in Bielefeld dank einer 60-Millionen-Spende eines kunstsinnigen Bürgers für das Musikleben der Stadt ohne Kampf um städtische Gelder möglich war, führte in Dortmund schnell zum Zwist: Dews wagemutige Programmpolitik stieß Stadtvätern wie Publikum gleichermaßen übel auf, das Haus blieb trotz aller Kritikerhymnen über Stücke wie Pfitzners "Armer Heinrich" und Meyerbeers "Dinorah" leer und füllte sich nur, wenn "Troubadour" und "Bettelstudent" auf dem Programm standen.

Anfang des Jahres schmiss Dew hin, nachdem ihm ein erheblicher Teil seiner Intendanten-Kompetenzen entzogen werden sollte. Zornig ist er noch immer: "Natürlich ist das Haus nur mit den Zugstücken voll, aber erstens haben wir die immer auch im Spielplan gehabt, und zweitens: Wofür bekommt ein städtisches Theater denn überhaupt Subventionen? Unsere Opernausgrabungen waren für mich der Teil des Spielplans, der nach außen signalisieren soll, dass hier in Dortmund etwas Besonderes passiert." Er habe, räumt Dew ein, die Dortmunder allerdings falsch eingeschätzt: "Ich dachte, wenn die Leute hier vom Ansehen ihres Theaters erfahren, werden sie neugierig und kommen allein deswegen, weil sie stolz auf ihr Theater sind. Aber vielleicht hat man mir einfach nicht genug Zeit gelassen - Pina Bausch hatte in Wuppertal doch auch sechs Jahre lang nur zeterndes Publikum oder leere Häuser."

Doch von Künstlerintendanten hat die Stadtverwaltung vorerst genug: Künftig soll ein Wirtschaftsfachmann die Aufsicht über Dortmunds Theater führen - wohl mit dem impliziten Auftrag, Repertoire-Experimente wie Dews "Französische Reihe" zu verhindern. Vor allem die Reihe von Erstaufführungen unbekannter französischer Opern war es gewesen, die in den letzten Jahren international für Aufsehen gesorgt hatte.

Auch Dews letzte Premiere ist ein Wagnis, sogar ein doppeltes: Die vor genau 100 Jahren uraufgeführte "Louise" des Franzosen Gustave Charpentier wird lediglich wegen einer Arie, dem berühmten "Depuis le jour" noch hin und wieder aufgeführt, und für die Fortsetzung, den schon bei der Premiere jämmerlich gefloppten "Julien", hat sich seit 1913 kein Opernhaus mehr interessiert. Während "Louise" als Stück über die aufblühende Liebe zwischen Arbeitermädchen und jungem Künstler (eben jenem Julien) mit reichlich Montmartre-Atmosphäre immer noch genug Rest-Attraktivität für jedes Stadttheater-Publikum besitzt, stand der "Julien" schon aufgrund seiner kruden Handlung auf verlorenem Posten: Als sie bemerkt, dass der erfolgreiche Dichter Julien nur noch für seine Arbeit lebt, bringt Lousie sich schon zu Beginn der Oper um.

Der zutiefst erschütterte Poet sucht vergeblich Erleuchtung in Indien, wird drogensüchtig und stirbt schließlich in der Gosse. In der Zeit nach John Lennon, Curt Cobain und Michael Hutchence eigentlich ein Wunschstoff für jeden Opernregisseur. Dieser "Julien" ist die eigentliche Entdeckung der Dortmunder Doppelpremiere: Ungleich dramatischer als bei seiner lyrisch verklärten, schönheits-und Paris-trunkenen "Louise" geht Charpentier hier zu Werk, kehrt seine Orientierung an der großen Oper des 19. Jahrhunderts ebenso ungeniert heraus wie er Einsprengsel der gärenden Musikszene zwischen 1900 und 1913 verarbeitet. Wenn am Ende der sterbende Dichter in der Gosse liegt, erscheint, vom Magier eines Zaubertheaters beschworen, noch einmal die tote Louise und singt ein fast expressionistisch verzerrtes Cabaret-Chanson.

Die hyperrealistische Großstadtschilderung der "Louise" ist einer hemmungslos subjektiven Perspektive des Dichters gewichen. Der "Julien" ist in seiner völligen Konzentration auf die Titelfigur ein echtes Monodram - in einer poetisch verschlüsselten Sprache, die tatsächlich klingt wie eine im Drogenrausch niedergeschriebene Vision (Norbert Schmittberg, Dortmunds großartiger Tristan, singt diese exzessive Partie mit schneidend heldentenoralem Ton und faszinierender, bis zum Schluss nicht nachlassender Intensität).

Freilich zeigt die Dortmunder Initiative, beide Stücke zusammen aufzuführen, auch, dass schon in den Paris-Schwärmereien ein gutes Gran Bitterkeit enthalten ist. Dieselben Louise- und Paris-Motive, die im Julien hämisch verzerrt wieder auftauchen, haben schon hier ihre Doppelbödigkeit verloren. Schon in der "Louise" ist der Reiz der Freiheit vor allem die Fiktion der Titelheldin - die Stadt lockt vorwiegend aus dem Off, raunt ihre Fanfaren und Walzermelodien aus der Schwärze der Hinterbühne heraus. Kennzeichnenderweise verliert sich das Flair augenblicklich dort, wo die Inszenierung gegenständlich wird, gerinnt das gleißende Paris der Fantasie beim Künstlerfest auf dem Montmartre zur "Cage aux folles"-Banalität des Stadttheater-Alltags.

Paris lockt aus dem Off

Es liegt nahe, die Stücke aus ihrer Jahrhundertwende-Umgebung ins Paris der Flower-Power-Bewegung zu verpflanzen, den Absinth-Rausch in einen LSD-Trip und die Eltern Lousies zu arabischen Gastarbeitern zu verwandeln. Gut, dass Dew und sein Ausstatterteam Thomas Gruber/José Manuel Vazquez hier vollends den Sprung von der Außen- in die Innenwelt wagen und unbarmherzige Schul-Schwestern, Märchen erzählende Großmütter und besoffene Nutten durch das Dichteruniversum stolpern lassen. Der heruntergekommene Dichter gewinnt im Stückverlauf geradezu faustische Züge, seine Angelfunktion zwischen 19. und 20.Jahrhundert behauptet der Julien inhaltlich genauso wie musikalisch.

Am Ende ein Triumph für alle: den Kapellmeister Axel Kober, für das meistenteils stimm- und stilsichere Ensemble, für die Wiederentdeckung und vor allem für den scheidenden Chef. Mancher wird sich da im Stillen gefragt haben, ob die Beziehung nicht doch noch eine Chance gehabt hätte.

Wieder am 16. und 17. Dezember, am 18. und 19. Januar sowie am 9. und 10. Februar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben