Kultur : John Medeski im Interview: "Hör auf deine Stimme!"

Auf Ihrer neuen CD "The Dropper" spielt auch der 7

John Medeski, 35, ist Jazz-Organist und Leiter des Intro: Der fünfunddreissigjährige Organist John Medeski leitet das Groove-Trios Medeski, Martin & Wood. In den USA ist diese Band schon seit Jahren ein Bestseller für das renommierte "Blue Note"-Label. Konzerte der Band werden von bis zu dreißigtausend Zuhörern besucht, eine Zahl, von der andere Jazz-Formationen nur träumen können. Besonders viele Fans haben Medeski, Martin & Wood unter den so genannten "Dead-Heads" gewinnen können, die bis zum Tod von Jerry Garcia den "Grateful Dead" von Konzert zu Konzert nachgereist waren. Vor zwei Jahren traten Medeski, Martin & Wood noch als Begleitband des Gitarristen John Scofield beim Berliner JazzFest auf. Im vergangenen Jahr erschienen gleich zwei neue Alben des Trios: "Tonic" war eine frei improvisierte Live-Aufnahme aus dem kleinen New Yorker Avantgarde-Club gleichen Namens. Im Rahmen ihrer ersten Europatournee stellen Medeski, Martin & Wood nun ihre andere neue CD "The Dropper" vor. Am Montag spielt das Trio im Tränenpalast, 20 Uhr.



Auf Ihrer neuen CD "The Dropper" spielt auch der 76-jährige SUN RA-Saxofonist Marshall Allen mit. Wie kam es dazu?

Ich habe Marshall Allens Musik schon immer gemocht, vor allem als Leiter des SUN RA ARKESTRA ist er für uns ein wirklicher Hero. Wir haben ihn einfach gefragt, ob er bei uns mitspielen möchte.

Welchen Einfluss haben die Space- und Ambient-Sounds von SUN RA auf Ihre Musik?

Es ist vor allem die Disziplin des Spielens und ein ausgeprägt avantgardistisches Gespür für Melodie und Harmonie in Sun Ras Musik. Und das Gefühl der totalen Freiheit: traue deiner eigenen Stimme. Bei Sun Ra gibt es auch in den dunkleren Stücken noch viel Humor.

Medeski, Martin & Wood wurden 1996 schlagartig berühmt, als die Jam-Band Phish in einer Konzertpause eine Platte von Ihnen spielen ließ. Wie würden Sie Jam charakterisieren?

Die Menschen, die zu einem Jam-Konzert gehen, suchen nach einer kathartischen Erfahrung. Einem Erlebnis, das einem nur die improvisierte Musik bieten kann. Das zeichnet ja vor allem den Jazz aus. Es ist die Magie des Augenblicks, die Aura des Spontanen sozusagen, die diese Musik transportiert. Bei Jam steht die Musik an erster Stelle, es ist die Alternative zu dem großen Schrecken, der sich mit Musik heute häufig einstellt. Dass man vor allem deswegen Musik macht, um damit viel Geld zu verdienen, hat das natürliche Verhältnis, das die Menschen einst der Musik gegenüber hatten, verzerrt. Jam hingegen bedient das Bedürfnis nach der unmittelbaren musikalischen Erfahrung. Was die Bands spielen, ist eigentlich sehr simpel, erst die Improvisation macht es spannend. Phish kann zu einem Silvesterkonzert über 150000 Leute mobilisieren, aber im Radio kann man die Band nie hören. Und wer erfahren will, wo die Band spielt, erfährt das nur im Internet. Phish ist nach Greatful Dead die einzige Band, die das Bedürfnis nach dieser intensiven Erfahrung bedient hat, während die amerikanischen Jazzmusiker immer nur damit beschäftigt waren, ihren nächsten Gig in Europa zu landen.

Können die Jazzmusiker da noch den Anschluss bekommen?

Ich hoffe, dass es noch nicht zu spät ist. Zu lange ist das heranwachsende Publikum vollkommen ignoriert worden. Wir reden hier ja von Kids, die nach genau der Erfahrung suchen, die der Jazz den Leuten in den fünfziger und sechziger Jahren mal geben konnte. Zu unseren Gigs kommen heute so zwischen zwei- und dreitausend junge Menschen - das ist natürlich nur ein Bruchteil derer, die zu einem Phish-Konzert gehen - aber für eine Jazzband wäre das schon ein gigantisches Publikum. Und diese Kids kaufen dann auch CDs von John Coltrane und Rahsaan Roland Kirk, das kann man alles sehr schön im WWW verfolgen, wo sie darüber kommunizieren.

Ist es denn überhaupt noch attraktiv für ein junges Publikum, ein Jazzkonzert zu besuchen?

Mir scheint, dass Jazz für junge Leute zu teuer geworden ist und dass die Haltung, man müsse ein gewisses Bildungsniveau mitbringen, um Jazz zu verstehen, sehr abschreckend ist. Andererseits finde ich, dass Jam eigentlich eine sehr diskriminierende Bezeichnung ist, da sie suggeriert, das es eben an der Musik rein gar nichts zu verstehen gibt.

In Amerika ist gerade eine zehnteilige Fernsehdokumentation zur Geschichte des Jazz zu sehen. Der Vorwurf wurde laut, dass Wynton Marsalis als einer der Berater des Regisseurs Ken Burns seine neotraditionalistische Jazzdefinition durchgesetzt hat. Sogar von anti-weißem Rassismus ist die Rede.

Vor fünfzehn Jahren, als ich Wynton zum ersten Mal traf, bestand er noch sehr aggressiv darauf, dass Jazz ein Synonym für die Musik der schwarzen Amerikaner sei, und dass Jazz die Kultur des weißen Amerikas definiere. Was natürlich ein verzerrter Standpunkt ist, da Jazz ja von Anbeginn eine Melange aus den Musiken verschiedener Kulturen war. Heute ist Marsalis wesentlich moderater und ich habe sehr viel Respekt vor ihm, da er sich erfolgreich für die Jazzausbildung der Kids engagiert. Der New Yorker Jazzkrieg, der Mitte der neunziger Jahre seinen Höhepunkt hatte, ist meiner Meinung nach vorbei. Und es bleibt die Erkenntnis, dass man den Leuten nicht vorschreiben kann, was sie hören sollen. Vielleicht macht es deshalb auch Sinn, wenn sich Burns in seinem Film auf die Zeit konzentriert, als der Jazz noch eine populäre Musik war. Später mengte sich zu viel Streit in das Umfeld dieser Musik. Am Ende steht dann die Frage: Was ist Jazz? Sind es die Harmonien und Rhythmen, die diese Musik ausmachen oder ist es der Spirit der spontanen Improvisation und Komposition.

Finden Sie neben Medeski, Martin & Wood noch Zeit für andere Projekte?

In diesem Jahr werde ich noch mal mit der afroperuanischen Sängerin Susana Baca ins Studio gehen. Die Zusammenarbeit mit ihr hat mein Leben als Musiker verändert. Im letzten Jahr haben David Byrne, Marc Ribot und ich die CD "Eco De Sombras" mit ihr für Byrnes Label "Luaka Bop" aufgenommen und bei drei Wahnsinns-Gigs in einem New Yorker Club mit Baca und ihrer Band gespielt. Besser gesagt: spielen dürfen. Das war für mich das Erlebnis des Jahres.

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