John Smith in der Galerie Tanya Leighton : In Gedanken

Anlässlich des 40. Jubiläums von John Smiths legendärem Schwarzweiß-Film „The Girl Chewing Gum“ zeigt die Galerie Tanya Leighton Werke des experimentellen Filmemachers.

Matthias Reichelt
Alt und neu, übereinander gelegt. Still aus "The Man Phoning Mum" von John Smith, 2011. Foto: Galerie Tanya Leighton / John Smith
Alt und neu, übereinander gelegt. Still aus "The Man Phoning Mum" von John Smith, 2011.Foto: Galerie Tanya Leighton / John Smith

Das Filmdokument erinnert einen unwillkürlich an das Material einer Überwachungskamera. Aber wer würde schon die banalen Bilder von Passanten kommentieren? Nach zwei Minuten und 39 Sekunden kündigt in der Galerie Tanya Leighton eine Stimme aus dem Off in feinstem Britisch ein Kaugummi kauendes Mädchen an. Wenige Sekunden später läuft es tatsächlich Kaugummi kauend von links nach rechts an der Kamera vorbei.

Nach dieser Szene benannte John Smith 1976 seinen legendären Schwarzweiß-Film „The Girl Chewing Gum“. Er wurde auf 16mm- Film gedreht und zeigt eine Straßenecke in East London unweit des „Odeon“- Kinos in einer Einstellung. Am Schluss des Films erfolgt der einzige Schnitt: Smith lässt die Kamera über eine Landschaft mit eingezäunten Höfen, Bäumen und Strommasten schwenken. Sein Kommentar aus dem Off changiert zwischen Regieanweisung und Beobachtung und verlässt die Ebene des Faktischen gegen Ende immer stärker hin zur Fiktion.

Ein unaufgeregt, aber zügig die Kamera passierender Mann wird in der Fantasie des Künstlers zum Gangster, der kurz zuvor eine Bank überfallen hat. In der Tat ist eine Alarmsirene zu vernehmen, die den Film jedoch in großen Teilen bereits vorher begleitet. Ein Experimentalfilm, der einerseits das Sehen schult und andererseits das Medium ironisch untersucht – mit Anklängen an den satirischen Stil Monty Pythons. Ähnlich, wie der Regisseur François Truffaut in „Eine Amerikanische Nacht“ von 1973 die Produktion von Illusionen im Film offenlegt und die Geschichten vor und hinter der Kamera gleichermaßen thematisiert, lässt Smith die Zuschauer an der Entstehung von fiktionaler Handlung teilhaben.

Zuschauer als detektivischer Voyeur

John Smith, 1952 in London geboren, absolvierte ein Filmstudium am Royal Collage of Art und lehrt dieses Fach heute an der University of East London. Auch wenn sein Œuvre mehr als 50 Werke umfasst, die vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurden, hat ihn die bildende Kunst erst spät entdeckt. Vor zehn Jahren wurden Smiths Arbeiten auf der Biennale in Venedig gezeigt und 2010 auf der 6. Berlin Biennale von Kathrin Rhomberg gewürdigt.

Im selben Jahr nahm sich Smith nochmals seinen Film von 1976 vor und kombinierte ihn mit tonlosen Farbaufnahmen, die er von derselben Position aus mehr als drei Jahrzehnte später aufgenommen hatte. An der Straßenecke sieht man nun einen mit seinem Handy telefonierenden jungen Mann. Beide Filme legt der Künstler übereinander und integriert auch seinen alten Kommentar. Nicht nur die Farbe, sondern Kleidung, kulturelle Codes, Verkehr und die Veränderungen der Architektur machen nun in „The Man Girl Phoning Chewing Mum Gum“ die Zeitdifferenz augenfällig und zwingen den Zuschauer erneut in die Position eines detektivischen Voyeurs.

Galerie Tanya Leighton, Kurfürstenstr. 156; bis 22.2., Di–Sa 11–18 Uhr

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