Kultur : John Updike: Gertrude und Claudius: Nichts faul im Staate Dänemark

Daniel Kehlmann

Vor kurzem erst erschienen zwei Romane des mittlerweile 69-jährigen John Updike, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die elegische Weltuntergangsphantasie "Gegen Ende der Zeit" und die Literaturbetriebssatire "Bech in Bedrängnis". Jetzt folgt "Gertrude und Claudius", die Vorgeschichte von Shakespeares "Hamlet". Ein klassisches Alterswerk: spielerisch und gelehrt, fast geisterhaft in seiner eleganten Distanziertheit, vorgetragen in eigentümlich gelassenem Ton. Die Handlung bewegt sich in drei Teilen vom Archaischen ins Psychologische, vom Mythologischen ins Moderne, ja ins intertextuell Postmoderne; mit den unterschiedlichen Quellen, auf die sich Updike bezieht, ändern sich auch wesentliche Zusammenhänge, sogar die Namen der Figuren, ein zunächst befremdliches, mit etwas Gewöhnung völlig plausibles Stilmittel.

Prinzessin Gerutha wird gezwungen, einen ihr aufrichtig zugetanen, doch nicht gerade leidenschaftlichen Adligen zu heiraten, der nach dem Tod ihres Vaters dänischer König wird; sie verliebt sich in ihren Schwager, jahrelang versuchen die beiden einander zu vermeiden, dann verfallen sie einander doch. Als der König die Affäre entdeckt, muss der Bruder ihn, mehr in Notwehr als aus bösem Kalkül, töten. Gerutha macht ihren Liebhaber durch Heirat zum König, und sogar Prinz Hamlet reist aus Wittenberg an. Alles scheint in Ordnung; man wird den notorisch misslaunigen Prinzen besänftigen, man hat das Land fest in der Hand, es kann nichts mehr passieren: "Die Ära des Claudius war angebrochen; sie würde glänzen in den Annalen Dänemarks." Die Hochzeit am Schluss des Romans ist zugleich die erste große Szene des Stückes. Gerade als der Prinz, der bisher kein Wort gesagt hat (eine Geste der Demut eines großen Autors gegenüber dem größten), seinen ersten Monolog beginnen müsste, schließt das Buch mit einem ironischen Happy End.

Es gibt viele Gründe, für diesen Roman dankbar zu sein: Die Raffiniertheit, mit der er auf Shakespeares Stück zuführt, um sozusagen hinein zu münden; er bereitet es, viele Handlungsstränge verknüpfend, vor und endet, da er es erreicht hat. Die Einfühlsamkeit, mit der Updike aus der Perspektive einer zunächst jungen, dann reifen Frau die Mühen der Ehe und den verwirrenden Zustand später Verliebtheit schildert. Und natürlich seine Brillanz darin, fern von der sterilen Synthetik eines Umberto Eco die Atmosphäre des beginnenden Hochmittelalters einzufangen: Gerade weichen die alten Religionen dem Christentum, Geruthas Vater ist noch Heide, ihr Ehemann schon katholisch, ihr Liebhaber byzantinisch geprägt, Hamlet ein Vertreter der aufkommenden Scholastik. Seit seinen frühen Kurzgeschichten und dem Erfolgsroman "Ehepaare" ist Updikes zentrales Thema weniger, wie man es ihm oft zugeschrieben hat, der Ehebruch oder die Vorstadt gewesen als die Frage, wie es sich als Christ leben lässt: "Wir essen, wir reiten, wir erfahren die Tage in ihren Wetterschattierungen, wir lieben, wir heiraten, wir nehmen es mit dem Leben in jedem seiner gottgewollten Stadien auf, keine Seuche, kein Unglücksfall kürzt es unerwartet ab - das Leben ist Teil der Natur, unmöglich, sich an seinen Anfang zu erinnern, und über sein Ende lassen sich keine Betrachtungen anstellen, nicht außerhalb der Kirche, wo die letzen Dinge zu Hause sind." Wer, fragt sich der für einen Moment verwirrte Leser, spricht hier? Es ist weder Gerutha noch irgendeine andere Figur, sondern die Stimme des Erzählers selbst, die ohne Tricks oder bemühte Archaismen den geistigen Tonfall eines anderen Zeitalters annimmt. Es scheint, dass John Updike heute alles möglich ist: jedes Thema, jede erzählerische Maskierung. Ein Glücksfall, wie er in der Literatur nicht oft vorkommt.

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