Jolie Holland : "Ich bin keine tolle Gitarristin"

Jolie Holland ist eine Songwriterin, die ihren ganz eigenen Stil pflegt. Mal zerbrechlich, mal energiegeladen, immer sie selbst. Zum Erscheinen ihrer neuen Platte "Springtime can kill you" sprachen wir mit der Künstlerin.

In der Branche hat Jolie Holland schon einigen Staub aufgewirbelt. Denn sie macht sich nicht viel aus Genre- Begriffen. "Ich will einfach nur klingen wie ich selbst", meint Holland. Leute, die trotzdem was zum Einordnen brauchen, könnte man sagen: Etwas zwischen Pop, Folk, Jazz und Blues. Label-Kollege Tom Waits ist ein großer Fan von ihr. Außerdem spielt Holland jede Menge Instrumente, die sie sich alle selbst beigebracht hat.



Wenn du jemand in einem Café triffst, und diese Person kennt dich nicht: Wie würdest du beschreiben, was du machst?



Ich würde sagen, ich bin Songwriterin, und Bandleaderin. Ich glaube, es ist für viele Leute schwierig, sich mit dem zu identifizieren, was ich als Broterwerb mache. In meinem Kiez gibt es nicht viele Leute, die den gleichen Tagesablauf haben wie ich. Es ist manchmal etwas einsam. Aber ich mache viel mit meinem Freund. Er ist Filmemacher, wir sind also beide hauptberufliche Künstler.

Und wie würdest du deine Musik beschreiben?

Ich spreche nicht von Genres, weil sie mir nicht sehr viel bedeuten. So denke ich nicht. Ich spreche oft von anderen Songwritern, die ebenfalls auf dem Label ANTI- sind. Weil man sagt ja auch nicht: "Nick Cave spielt diese und jene Musik." Man verwendet einfach Nick Cave selbst als Orientierung. Und ich versuche nicht wirklich, wie irgend jemand anders zu klingen. Ich hoffe, dass ich einfach nur wie ich klinge.

Wie war die Arbeit an deinem neuen Album?

Es war sehr viel Arbeit, und es hat mich völlig vereinnahmt. 24 Tage im Studio, was die längste Zeit war, die ich je im Studio verbracht habe. Es waren zwischen elf und 14 Stunden am Tag. Es war schon fast zwanghaft. Und es war nicht nur das Studio, einfach die ganze Arbeit: Mit der Band proben, weil viele Songs neu waren. Die Band wusste also gar nicht, was sie zu spielen hatte. Als Bandleaderin war es eine Herausforderung, ihnen die Lieder zu vermitteln, vor allem, weil es zwei Songs gibt, auf denen ich gar kein Instrument spiele.

Du schreibst also deine Songs alleine?

Meistens schreibe ich selber. Zwei Lieder auf der Platte sind co-geschrieben. Ich habe den Großteil dieser zwei Lieder gemacht, bis auf kleine Teile, die ich Brian Miller, dem Gitarristen gegeben habe, um etwas hinzuzufügen. Denn er ist ein großartiger Songwriter, und ich wollte ihm vermitteln, dass einen größeren Anteil in dieser Sache hat.

Fühlte Brian Miller sich ein wenig außen vor?

Er spielt auch in einem Duo namens "The Speakers", und dort haben sie einen ganz anderen Ablauf beim Schreiben als ich. Er ist also mehr einen 50-prozentigern Anteil gewohnt, und bei mir ist es klar so, dass er zum Verzieren da ist. Aber er hat einen ganzen Song auf Catalpa (Hollands erstes Album) geschrieben. Ich bin ein großer Fan seiner Musik, und ich arbeite auch bei seiner Platte mit.

Was motiviert dich, Songs zu schreiben?

Ich versuche, nicht alle möglichen Sachen in meine Songs mit reinzukriegen. Ich versuche eine sehr unschuldige Stimme in mir einzufangen.

Was steckt hinter dem Titel deines neuen Albums, "Springtime can kill you"?

Ich hab den Song "Springtime can kill you" für die Platte geschrieben, und ich finde einfach, dass der lustig ist. Ein sehr attraktiver Titel für eine Platte. Ich habe Freunden den Titel genannt, und die meisten von ihnen haben gelacht. Ich fand, dass das eine sehr gute Reaktion war. Der Titel lässt dich an viele verschiedene Dinge denken. Wie eine Freundin von mir - sie hat die Platte nie gehört, aber als ich ihr den Titel genannt hab, sagte sie mir: "Ich hab die Platte total verstanden, einfach durch ihren Titel."

Wozu passt deine Musik? Ich fand, dass deine neue Platte gut zu einem Glas Whiskey passte.

Die Leute erzählen mir echt coole Sachen, was sie beim Zuhören machen. Eine Freundin von mir hat einen Laden für Kunsthandwerk und Antiquitäten: Sie hört dort nur mich. Ich glaube, ich würde wahnsinnig werden, wenn ich immer nur mich hören würde. Aber sie meinte, sie hätte das über Monate gemacht. Andere Leute haben mir Ähnliches erzählt: "Genau, das war die einzige Platte, die ich vier Monate lang im Auto hatte" und ähnliches krasses Zeug. Andere erzählen mir, dass sie dazu Bilder malen. Manche spielen mich auch, wenn sie einen neuen Jungen nach Hause bringen. Und was ich auch ziemlich cool fand, war dass zu jeder meiner Platten ein Kind zur Welt gebracht wurde. Meine Freundin Brooke brachte zu meiner ersten Platte ihr Kind zur Welt. Das fand ich wirklich toll. Als ich in Australien war, erzählte mir eine Frau, dass sie zu "Escondida" ihr Kind zur Welt brachte. Und eine Freundin von mir in Austin brachte ihr Baby zu meiner neuen Platte zur Welt. Also mindestens ein Baby pro Platte!

In was für einem musikalischen Umfeld lebst du heute?

Ich werde oft von einzelnen Schallplatten gefangen genommen und höre mir diese Platte dann sehr oft an. Oder ich höre mir einen Künstler ganz viel an. Aber ich versuche auch, nicht zu viel Musik zu hören. Aber ich habe viel mit Menschen zu tun, die einen wirklich guten Musikgeschmack haben und die sind gewissermaßen die DJs.

Du spielst sehr viele Instrumente. Wie hast du das gelernt?

Ich hatte nie Unterricht. Ich habe von meinen Freunden gelernt, die dieses Instrumente spielen. Und da ich nie Unterricht hatte, weiß ich eigentlich auch nicht genau, wie man in solchen Unterrichtsstunden lernt. Ich glaube, ich lerne besser, indem aufmerksam bin und anderen beim Spielen zuhöre. Und ich vermute, dass ich inzwischen ein besserer Lehrer für mich bin als jemand anderes. Und übrigens: Ich kenne so viele Leute, die mehr Instrumente spielen als ich.

Ich schreibe die meisten Lieder mit der Gitarre oder am Klavier. In letzter Zeit habe ich die chinesische Geige gespielt, das macht wirklich Spaß. Und ich versuche, mehr Horn zu üben. Das ist es eigentlich schon.

Viele Leute, die ich kenne, spielen nur ein oder zwei Instrumente.

Ach, Geige spiele ja auch. Aber ich sehe das Ganze etwas anders. Ich bin keine wirklich tolle Gitarristin oder Pianistin. Der Chef meines Labels sagte, ich sei eine Klavier-Songwriterin. Das fand ich gut, er sprach dann von anderen Songwritern, die auch Klavier spielen. Es ist dann nicht das beeindruckende Spiel, es ist gerade genug, um das Lied zu begleiten. Mir geht es vor allem um den Song als ganzen.

Bist du eine langsame oder eine schnelle Schreiberin?

Meistens bin ich eine sehr schnelle Schreiberin, die Idee entsteht immer sehr schnell. Manchmal brauche ich aber lange, um sie dann umzusetzen. Manchmal weiß ich nicht genau, wie ich das spielen soll, was ich im Kopf habe. Oder ich muss mir neue Techniken ausdenken. Oder der Stil ist ganz anders, und es ist schwierig für die Band, es zu spielen. Beim "Crush in the Ghetto" auf meiner neuen Platte war das so: Ich musste es mit drei verschiedenen Bassisten probieren, bis ich den richtigen gefunden hatte. Und es hat sehr lange gebraucht, bis den Gitarristen und dem Schlagzeuger klar war, wie der Rhythmus funktionieren sollte.

Du scheinst recht viele Musiker zu kennen.

Ja, alle Leute auf der neuen Platte sind gute Songwriter-Freunde von mir. Und ich habe bei jedem einzelnen ihrer Projekte mitgespielt. Mit diesen ganzen Leuten habe ich schon ziemlich lang gespielt. Ja, ich nehme an, ich kenne recht viele Musiker.

Wann wirst du eigentlich nach Deutschland kommen?

Die Leute vom Booking arbeiten noch an den Terminen, aber während der Fußballspiele werde ich nicht kommen. Vielleicht davor oder danach.


Jolie Holland: Springtime can kill you. Label: ANTI- Records. Release: 86788. Erscheinungsdatum: 08.05.2006

Bisherige Platten:
"Escondida" (2004)
"Catalpa" (2003)

(Das Interview führte Michael Hörz.)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben