Kultur : Jonathan Nossiter macht aus der Liebe einen Krimi

Kerstin Decker

Ein Zeichen ist das richtige Verhältnis von Verbergung und Offenbarung. Hier nun bekommen wir so viele Zeichen, dass wir gar nicht wissen, welchem wir folgen sollenKerstin Decker

Signs And Wonders. Nein, kein Wunder diesmal. Auch kein kleines. Genau genommen, sahen wir nicht mal ein Zeichen.

Doch der Geschäftsmann Alec (Stellan Skarsgard) glaubt an Zeichen. Jeder der liebt, glaubt an Zeichen. Und Alec hat sich verliebt. Schwer zu sagen, was stärker war, die Liebe oder die Zeichen. Man muß das erklären. Wenn die Geliebte einen nicht mehr sehen will, just an dem Morgen, nachdem man seiner Frau erklärt hat, dass nun alles aus ist, endgültig, für immer, ist das nicht - ein Zeichen?

Aber weiter. Wenn man mit seiner haarscharf vorm Abgrund geretteten Familie den alles versöhnenden Skiurlaub macht und sieht eine Frau mit gelbem Schal - nun gut, keinem anderen wäre der gelbe Schal auffallen, Alec schon. Denn Alec glaubt auch an die Farbe Gelb. Er fährt also dem gelben Schal hinterher - und sie ist es wirklich, Alecs schon fast vergessene Geliebte Katherine (wie ein Zeichen: Deborah Kara Unger). Jetzt die Frage, die jeder sich nur ganz allein beantworten kann, aber aufrichtig! Ist das etwa kein Zeichen?

Also verlässt Alec seine Frau und die Kinder. Alecs Kinder wissen schon viel über die Wirkung von Zeichen. Alle Kinder mögen Zeichen. Kinder sind der Magie noch näher als amerikanische Geschäftsleute in Athen.Näher auch als Regisseur Jonathan Nossiter? "Signs and Wonders" ist voller, nun ja, Zeichen. Andererseits auch ein bisschen dogmamäßig. So sehr schwankt die Kamera. Das fördert unsere Empfänglichkeit für Zeichen. Oder sehen wir eine ganze ins Kino übersetzte Theorie der Wahrnehmung? Die Welt als Fragment. Deutlich, überdeutlich. Wo alles zum Zeichen wird, gibt es da noch welche?

Zeichen sind etwas Fernes, das uns ganz nah kommt. Also handelt es sich bei "Signs and Wonders" um das Gegenteil eines Zeichens. Denn Jonathan Nossiters Film bleibt uns seltsam fern. Vielleicht liegt das an der Hermetik der Zeichen. Man sollte das am Kino erklären. Kino ist natürlich eine reine Zeichen-Frage. Denn was macht ein guter Film? Er gibt uns ein Zeichen. Und wir können nicht anders, als ihm zu folgen. Ein Zeichen ist das richtige Verhältnis von Verbergung und Offenbarung. Hier nun bekommen wir so viele Zeichen, dass wir gar nicht wissen, welchem wir folgen sollen.

Eine Genre-Frage auch. Ein Liebesdrama sendet völlig andere Zeichen als ein Krimi, wobei ein Krimi sozusagen der Zeichen-Film par excellence ist. Und wir lesen noch immer Liebesdramen-Zeichen, wo wir schon längst Krimi- und Suspense-Zeichen lesen müssten. Spätestens als der neue Freund der verlassenen Frau den Kuchen isst, an dem er sich die Zunge zerschneidet. Und dass Alec diesen scheußlichen gelben Anzug bekommt, war das etwa kein Zeichen?

"Signs and wonders" ist einer der Filme, an deren Ende man versteht, wie sie gemeint waren. An deren Ende man alles versteht. Vor allem, wie verhängnisvoll es ist, Kinder, denen plötzlich die Väter abhanden kommen, zuvor in die Welt der Zeichen eingeführt zu haben. Doch - zu spät. Auch für "Signs and Wonders". Aber nie wieder werden wir so arglos Kuchen essen wie zuvor. Und nie mehr beides zugleich tun: an die Farbe Gelb glauben und uns verlieben. Wir haben das Zeichen verstanden. Wir werden nun lang nicht mehr um eines bitten.Heute 18.30 (Royal Palast) und 22.30 Uhr (International)

0 Kommentare

Neuester Kommentar