Joni Mitchell : Songs sind Tattoos

Einst markierte sie den Beginn einer neuen Innerlichkeit im Pop, dann lieferte sie mit "Woodstock" die Erweckungshymne einer ganzen Generation. Jetzt wird die Folkrockkönigin Joni Mitchell 70.

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Joni Mitchell
Joni MitchellFoto: Jack Mikrut/dpa

Blau ist die Farbe des Himmels und der Sehnsucht nach Ferne. Und die Farbe der Melancholie, des Blues. „Blue“ heißt die Platte, die 1971 schon deshalb Aufsehen erregte, weil sie in einer Zeit, in der die Rockplatten immer lauter und expressiver wurden, genau das Gegenteil war: leise und introspektiv. Das blau eingefärbte Cover zeigt die Sängerin Joni Mitchell in einer körnigen Schwarz-WeißAufnahme, traumverloren singend, mit geschlossenen Augen versunken in ihre Musik. „Blue“, eine schonungslose, auch schmerzhafte Selbstanalyse mit den Mitteln des Folkrocks, markiert den Beginn einer neuen Innerlichkeit im Pop.

Mit kirchentagsheller Sopranstimme, begleitet unter anderem von Stephen Stills am Bass und James Taylor an der Gitarre, singt Joni Mitchell vom Verlorensein in der Welt („I am on a lonely road and I am travelling“) und vom Ende des amerikanischen Traums („That was just a dream some of us had“). Der Titelsong „Blue“, eine karge, sanft durchpulste Klavierballade, beginnt mit dem großartigen Bild „Songs are like tattoos“ und gipfelt in einem Bekenntnis: „Blue, I love you.“ „Blue“ ist das Produkt einer Krise und eines Neuanfangs. Mitchell hatte sich von ihrem Lover Graham Nash getrennt, für ein Jahr von der Bühne und aus dem Studio zurückgezogen und einen Großteil der Songs bei einer Reise durch Europa geschrieben. Als „Blue“ entstand, sagte sie später, habe sie sich völlig ungeschützt gefühlt. „Ich kam mir vor wie die Klarsichtfolie auf einer Zigarettenpackung. Ich hatte absolut nichts zu verbergen vor der Welt.“

Joni Mitchell, am 7. November 1943 in der kanadischen Kleinstadt Fort Macleod geboren, begann ihre Karriere in der Folkszene von Toronto. 1967 landete sie im Mekka des Singer/Songwritertums, dem New Yorker Greenwich Village. David Crosby, eine Zeit lang auch ihr Geliebter, produzierte ihr Debütalbum. Für die Supergroup Crosby, Stills, Nash & Young lieferte Mitchell den Hit „Woodstock“, der für eine ganze Generation zur Erweckungshymne wurde. Berühmt wurden die Zeilen „By the time we got to Woodstock / We were half a million strong / And everywhere there was song and celebration“, der Refrain glitzert und funkelt geradezu vor Inbrunst: „We are stardust, we are golden.“ Das Festival selber hatte die Sängerin verpasst, weil ihr Manager ihr riet, stattdessen in der Fernsehshow von Dick Cavett aufzutreten. Später wandte sich Mitchell dem Jazz zu, mit Charles Mingus nahm sie kurz vor dessen Tod eine Platte auf. Ihr letztes Album „Shine“, das noch einmal in guter alter Folktradition gegen den Irakkrieg protestierte, kam 2007 heraus. Konzerte gibt sie kaum noch. Sie sei, sagt sie, eigentlich schon „in Rente“.

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