Kultur : Jordi Savall im Gespräch: Warum sind staatliche Orchester der Tod der Musik?

Herr Savall[während in Deutschland ein Orche]

Jordi Savall, 59, gilt seit über 25 Jahren als einer der wichtigsten Interpreten der Alten Musik. Savall studierte zunächst in seiner Heimatstadt Barcelona Violoncello, wandte sich aber bereits Mitte der sechziger jahre aber bald dem Gambenspiel zu und wurde 1973 zum Gambenprofessor an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel ernannt, einem der wichtigsten Zentren für die Wiederentdeckung barocker und vorbarocker Musik. 1974 gründete Savall zusammen mit seiner Frau, der Sängerin Montserrat Figueras, das Ensemble Hesperion XX, mit dem er bis heute etliche maßstäbliche Einspielungen vor allem von Musik des Mittelalters und der Renaissance vorgelegt hat. Einem größeren Publikum wurde Savall durch seine Aufnahmen der Filmmusik zu Jacques Rivettes "Jeanne, la Pucelle" und Gérard Corbiaus "Die siebte Saite" bekannt.

Herr Savall, während in Deutschland ein Orchester nach dem anderen aufgelöst wird, scheint die Klassik in Spanien zu boomen: Nirgendwo sind in den letzten Jahren so viele Orchester gegründet worden...

was ich für einen schwerwiegenden kulturpolitischen Fehler halte. Denn Spanien tut damit nichts anderes, als ein völlig überaltertes ineffizientes System zu übernehmen. Für mich ist das eine Art kultureller Neo-Kolonisation: Jede Stadt leistet sich ein Sinfonieorchester als Prestigeobjekt, ohne darüber nachzudenken, dass diese Art der institutionellen Förderung letztlich der Tod der Musik ist. Das ist wie mit alten Fabriken oder Minen, die über Jahrzehnte am Subventionstropf hängen, weil man die Arbeitsplätze nicht aufs Spiel setzen will. Die produzieren dann eben Fabrikware, die nicht der Qualitätsregulierung des freien Marktes unterworfen ist. Gehen Sie doch in die Sinfoniekonzerte - mit wenigen Ausnahmen hören Sie dort doch nur Routine.

Orchester sind also der Tod der Musik?

Natürlich nicht Orchester an sich, aber das System fest angestellter Musiker, das nur über Autorität funktioniert und Künstler zu Handwerkern macht. Sie starten mit Visionen und werden durch den Apparat zu Befehlsempfängern abgeschliffen. Was soll denn schon dabei herauskommen, wenn Musiker Werke spielen müssen, die sie selber vielleicht überhaupt nicht mögen? Kunst kann ohne Risiko nicht leben. Und die muss den Musikern auch im Orchester bewusst sein.

Das heißt: Freiheit für den Klassik-Markt?

Die einseitige Begünstigung der Orchester ist eine schwere Marktverzerrung, die es allen anderen Arten von Musik viel schwerer macht, ihren Platz am Markt zu erobern. Wenn ich mit meiner "Capella reial de Catalunya" in Salzburg spiele, sind wir viel teurer als ein alimentiertes Orchester. Denn wir müssen von unseren Engagements leben und bekommen von der Regierung nur eine Basisförderung von 850 000 Mark jährlich, während die Gehälter der Orchestermusiker von der öffentlichen Hand bezahlt werden. Die Chancen für alle Arten von Musik wären besser, wenn alle unter den gleichen Voraussetzungen anträten.

Lehnen Sie es deshalb auch ab, anders als Ihre Kollegen Harnoncourt, Gardiner und Herreweghe, mit solchen Orchestern zu arbeiten?

Ungefähr einmal pro Jahr dirigiere ich ein normales Sinfonieorchester - um mich daran zu erinnern, unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird. Und um auf Spanien zurückzukommen: Dass alle von Philharmoniker-Glanz und Stardirigenten träumen, ist hier besonders grotesk, weil Spanien seine musikalische Blütezeit vom 12. bis zum 17. Jahrhundert hatte. Damals, von der Epoche der Cantigas de Santa Maria des Alfonso el Sabio bis zur Renaissance-Musik von Tomas Luis de Victoria und Juan de Encima, entstanden die großen Werke der spanischen Musik. Aber diese Kultur wird bis heute kaum gefördert: Von den Werken Victorias, der für Spanien eine ähnliche Bedeutung hat wie Bach für Deutschland, gibt es bis heute nicht einmal eine Gesamtausgabe.

Aber kann die Missachtung nicht auch daran liegen, dass diese Musik dem Publikum heute viel schwerer zu vermitteln ist?

Das Publikum hat viel größere Fortschritte gemacht als die Kulturfunktionäre. Außerdem: Ob Musik etwas vermitteln kann, hängt in erster Linie am Interpreten - egal, ob er Brahms oder barocke Gambenmusik spielt. Die Grundvoraussetzung ist, dass er an die Musik glaubt, die er spielt. Wenn ich Alte Musik mache, dann nicht aus musikwissenschaftlich-ärchäologischem Antrieb, sondern weil ich von ihrer universellen Gültigkeit überzeugt bin. Allerdings, je älter diese Musik ist, desto mehr Zeit braucht es, bis man ihre Welt, ihren Stil wirklich verstanden hat. Denn bis ins 18. Jahrhundert war der Interpret noch viel mehr selbst kreativer Musiker, das Verhältnis von Komposition und Aufführung war etwa so wie heute bei indischer Musik - ein Großteil war Improvisation. Wenn Sie unsere Aufnahmen jüdischer sephardischer Musik anhören, dann würde allein das Spielen des Notentextes nur 15 Minuten dauern. Wir machen aus diesem Material zwei Stunden. Das geht aber nur, wenn man den Stil der Musik internalisiert hat. Wie bei "Zen oder die Kunst des Bogenschießens", einem meiner Lieblingsbücher: Man bereitet sich monatelang vor, aber im entscheidenden Moment muss der Pfeil wie von selbst das Ziel treffen.

Dennoch scheinen sich gerade bei Alter Musik die Interpreten fortwährend um ein dogmatisches "So und nicht anders" zu streiten.

Wahrheit gibt es in der Musik nicht, es gibt nur Harmonie. Es ist wie in der Liebe: Nur wenn Sie fähig sind, der Musik Liebe entgegenzubringen, kommt sie zu Ihnen. Wenn Sie aber Liebe erzwingen wollen, endet das meist im Desaster.

Aber ist nicht ein Großteil der Alten Musik für bestimmte sakrale Anlässe oder Situationen geschrieben, die sich heute nicht wiederholen lassen, oder sogar nur zum eigenen Vergnügen des Interpreten?

Was den ersten Punkt betrifft, bin ich ohnehin dafür, mit der Musik an Orte zu gehen, an denen sich die ursprüngliche Atmosphäre nachempfinden lässt, selbst wenn die Akustik dort nicht ideal ist. Denn in einem sterilen Konzertsaal wirkt diese Musik wie ein Altes Möbelstück in einem Museum und es ist viel schwieriger, ihre Lebendigkeit und Gültigkeit zu vermitteln. Und zum zweiten: Musik ist immer Kommunikation, ob nun mit anderen Menschen oder mit Gott - auch wenn man ganz allein spielt, tut man das, weil man jemandem etwas geben will. Als ich in Paris Cello studierte, hatte ich eine ganz kleine Wohnung, und im Sommer, wenn die Fenster offen waren, hörte ich beim Üben oft, wie unter mir ein junges Pärchen gerade Liebe machte. Dann habe ich immer gleich schöner gespielt, weil ich für die beiden gespielt habe.

Normalerweise ist nichts für Liebe so tödlich wie nüchterne Kalkulation. Dennoch haben Sie zusätzlich zu Ihrer Musikertätigkeit noch ein eigenes CD-Label gegründet, bei dem Sie seit einigen Jahren exklusiv einspielen.

Das Leben mit Musik lässt sich eben nicht begrenzen. Gerade weil ich die Musik liebe, die ich spiele, ist mir jede Einzelheit an meinen CDs wichtig. Denn eine CD, die nicht das wiedergibt, was man wollte, ist für einen Künstler eine Katastrophe. Schon bei meiner früheren Plattenfirma habe ich deshalb alles kontrolliert, von den Aufnahmebedingungen über den Schnitt bis hin zur Gestaltung der CD-Hülle. Daher ist der Sprung auch gar nicht so groß gewesen und, ehrlich gesagt, es macht auch Spaß, sich zu überlegen, welches Gemälde am besten als Cover passt. Das ist wie Geschenke verpacken.

Vergleicht man die Verkaufszahlen Ihrer CDs mit den wenigen Konzerten, die im Bereich Alte Musik stattfinden, fragt man sich, ob diese Musik nicht überhaupt ein reines Medienphänomen ist.

Sicher hat die CD für uns eine besondere Bedeutung. Das hängt auch damit zusammen, dass die Entdeckung der historischen Aufführungspraxis zeitgleich mit der Verbreitung der Vinylplatte eingesetzt hat. Die Aufnahmen der Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon oder der Dokumente-Serie in den 50er Jahren gehörten zu den Langspielplatten der ersten Stunde und haben die Impulse, die von einer Handvoll Spezialensembles ausgingen, sofort lupenartig für das Publikum in aller Welt vergrößert. Diese Aufgabe, Hörerminorität durch Breite zu kompensieren, hat die CD bei Alter Musik im Grunde bis heute behalten.

Obwohl es Ihnen sogar gelungen ist, mit Gambenmusik in die Charts zu kommen.

Der Soundtrack zu "Die siebte Saite" war übrigens meine erste eigenproduzierte CD, vielleicht bin ich deswegen auch besonders stolz darauf. Die Arbeit an dem Film war für mich auch eine ganz spezielle Erfahrung - weit mehr als beispielsweise später der Soundtrack zu Rivettes "Jeanne, la Pucelle". Denn zum ersten Mal in meinem Leben musste ich nicht nur spielen, wie ich es empfinde, sondern zunächst in der Manier von Marin Marais und später in der seines Lehrers Sainte-Colombe. Auch wenn ich die Gefahr sehe, dass die Musik zu stark mit Bildern und Klischees verbunden wird, liebe ich diesen Film nach wie vor sehr, weil sein eigentlicher Hauptdarsteller die Musik ist. Alles passiert, um die Funktion der Musik zu zeigen. Und wenn sich aufgrund dieses Films hunderttausende Menschen plötzlich eine CD mit Musik des 17. Jahrhunderts kaufen, ist das doch der beste Beweis, dass Alte Musik nach wie vor lebendig ist. Man muss ihr nur eine Chance geben.

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