• Jorge Aravenas Leben kreist um den argentinischen Schriftsteller, der heute 100 Jahre alt geworden wäre

Kultur : Jorge Aravenas Leben kreist um den argentinischen Schriftsteller, der heute 100 Jahre alt geworden wäre

Guido Schirmeyer

Die Friedenauer Taunusstraße ist ein beschauliches Biosphärenreservat für Bildungsbürger. Kleine Vögel zwitschern in mächtige Kastanien, im Bezirk herrscht Ruhe für die Schriftsteller. Günther Grass wohnt hier im Viertel, auf der linken Straßenseite schreibt der chinesische Professor Zhou Chun, einst Maos Dolmetscher, und von gegenüber dringen traurige Tangos aus einem Fenster im dritten Stock. Dort probt Señor Jorge Aravena, Schriftsteller, Sänger und Liedermacher, seine Akkorde für den Borges-Abend - heute - in einem privaten Salon in der Handjeristraße. Da werden sechzig Gäste dichtgedrängt in einer kleinen Wohnung der Borges-Lesung vom Grips-Theatermann Thomas Ahrens lauschen, und Aravena spielt dazu.

Wenn möglich, meide er Menschenansammlungen, sagt Aravena und legt die Gitarre beiseite. Daher spreche er auch nur gebrochen Deutsch. Versunken arbeitet er in seiner Bibliothek, allein bei dem Gedanken an eine U-Bahn-Fahrt, eingequetscht zwischen lauter Leuten, verzieht Aravena qualvoll sein Gesicht. Die heutige Versammlung ist etwas Besonderes - wie überhaupt seine regelmäßigen Auftritte vom Straßenfest in Tiergarten bis zum Gastspiel in Tunesien.

Schließlich geht es um Jorge Luis Borges, um den Aravenas Leben kreist, seit er ihn bei einem Schriftstellerkongress in Ecuador 1979 drei Wochen lang betreut hat. "Die Begegnung ist ein Höhepunkt in meinem Leben", erzählt Aravena voller Ehrfurcht. Ohne Borges könne er nicht leben, übersetzt seine Frau Christiane Borgelt, Schriftsteller-Tochter und Architektin. Der junge Psychologiestudent Aravena sah den großen Borges immer zum Ateneo in der Calle Florida gehen, wo er dessen Vorlesungen an der geisteswissenschaftlichen Fakultät besuchte. Dank des Schriftstellers, dessen Werk von Unsterblichkeit handele, habe er nicht mal mehr Angst vor dem Tod, schwärmt Aravena und verschenkt ein Foto von Borges Grabmal in Genf.

Eine weitere Leidenschaft Aravenas ist der Tango. Selbst als Tangolehrer hat er schon gearbeitet. Vor zehn Jahren schrieb er eine Biografie über den Tangokönig Carlos Cardel. Niemals vergessen werde er, wie Borges damals zu ihm sagte: "Was soll ich mir diesen Sänger anhören, der sich das Gesicht pudert, die Lippen anmalt, ständig nur Grimassen schneidet und falsche Tränen vergießt". Mit einem Dreiminuten-Tango "El Prontuario de Borges" ehrt Aravena den Dichter auf seiner CD "Magic Tango" und lacht Berliner Tangotänzerinnen aus, die, fern dem Rhythmus der Musik, mit ihren Füßen über das Parkett schlurfen.

Borges war 86 und blind, als Aravena ihn traf. "Ihn kümmerte nur die Literatur, er war ein absoluter Antifaschist und interessierte sich andererseits wenig für die Linke. Wenn ich ihn auf Politik ansprach, winkte er ab. Er las nicht einmal eine Zeitung. Er hatte ein erstaunliches Gedächtnis. Er war eine wandelnde Enzyklopädie. Kaum erwähnte ich einen Autor, fing er an zu zitieren. Gedichte von Vergil und Shakespeare. Er achtete immer darauf, seine Zeit nicht mit wertlosen Dingen zu verschwenden".

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