Kultur : Jos, Leo, Henri und die anderen

Auf den Spuren der Zwangsarbeiter in einem bayerischen Dorf: die Doku „Verborgen in Schnuttenbach“.

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Musique! Der Kriegsgefangene Henri 1941 in Schnuttenbach. Foto: Majewski
Musique! Der Kriegsgefangene Henri 1941 in Schnuttenbach. Foto: Majewski

Schnuttenbach – das klingt nach Entenhausen. Doch das Dorf im bayerischen Westen gibt es wirklich. Mit lokaler Dialektfärbung und im Märchenton führt die Erzählerstimme in den zwischen Tannenwald und Feldgrün, Waldsiedlung und Kunstdüngerfabrik gelegenen Weiler. Die Stimme gehört dem Filmemacher Thomas Majewski, der dort in den siebziger und achtziger Jahren aufwuchs und 1996 mit Filmexperimenten begann. Damals war sein Verhältnis zum Heimatort noch von Unschuld geprägt. Ändern sollte sich das 1998, als die Chronik zum 700-jährigen Dorfjubiläum auf bis dahin verschwiegene historische Ereignisse aufmerksam machte. Vierzig Jahre, bevor der zehnjährige Thomas auf dem Schnuttenbacher Bolzplatz seine Fußballtalente erprobte, hatte dort ein Lager für über 400 Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, Italien und den Niederlanden gestanden.

Für den 24-jährigen Filmemacher war das Anlass genug, sich – mit Kamera – den von ihm bisher ignorierten Alten im Dorf zuzuwenden und sie nach ihren Erinnerungen zu befragen. Später machte er drei der ehemaligen Zwangsarbeiter ausfindig und bewog sie dazu, für einen Besuch nach Schnuttenbach zurückzukehren. Jos war wegen Sabotage in die zur Flugzeugwerft umgerüstete Düngerfabrik strafdeportiert worden. Leo und Henri, vergleichsweise privilegiert, wurden auf Bauernhöfen zur Arbeit eingesetzt. Henri, der auf den Höfen die Milch zur Molkerei abholte, durfte sogar abends mit den Mädchen musizieren und spazieren gehen. Sein Verhältnis zu einigen der alten Frauen ist noch heute fast zärtlich-vertraut. Doch auch die beiden anderen hatten freundschaftliche Beziehungen zu Dorfbewohnern geknüpft und signalisieren gerührte Wiedersehensfreude: Es seien „gute Leute“ gewesen, gemeinsam habe man schwere Zeiten durchstanden. Mag sein, dass für manche der Einheimischen die Anwesenheit der Fremden auch willkommene Abwechslung von Kriegsentbehrungen und der Rigidität dörflicher Sitten war.

Sichtbar angespannt dagegen das Verhältnis zwischen den ehemaligen holländischen Gefangenen Jos und Leo, die miteinander um die Richtigkeit ihrer Erinnerung ringen. Schon nach dem ersten Drehtag, erzählt Majewski, weigerten sie sich, weiter miteinander zu arbeiten. Der Film selbst lässt die Frage nach der Wahrheit des Erzählten offen und verweigert sich enttarnend konfrontativem Gestus ebenso wie allzu glatten Versöhnungstönen. Die Brutalitäten des Kriegsgeschehens kommen vor allem über den Umweg der (männlichen) Dorfbewohner, die damals als Frontkämpfer abwesend waren, in den Film. Einer, der Dorfälteste, zeigt bereitwillig seine SS-Tätowierung. Ein damaliger Oberfeldwebel erläutert stolz die erhabene Gefühlslage, als er vom Führer persönlich die goldene Nahkampfspange erhielt. Und dann gibt es da noch ein ungeklärtes Geheimnis um schweres Wasser aus Norwegen, das in einem Bassin gelagert worden sei. Atomwaffen aus Schnuttenbach?

Über zehn Jahre hat Thomas Majewski in Eigenregie an seinem Film gearbeitet, ihn ganz überwiegend selbst finanziert, ein bisschen Geld von der Hessischen Filmförderung kam hinzu. Die Premiere (und Prämierung) 2009 auf dem Kasseler Dokumentarfilmfest haben Jos, Leo, Henri, Anneliese und Maria leider nicht mehr erlebt. Doch „Verborgen in Schnuttenbach“ bewahrt ihre Erinnerungen und hat sie viele Wochen lang in den Kinos der Region lebendig gemacht. Auch Tausende von Schülern haben den Film gesehen. Jetzt kommt Thomas Majewski mit seinem Film nach Berlin. Nebenbei, keine Angst vorm Bajuwarischen: Es gibt hochdeutsche Untertitel.

In Anwesenheit des Filmemachers am heutigen Donnerstag und Sa bis Di im Lichtblick-Kino (Telefon 44 05 81 79).

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