Kultur : Joschka Fischer: Aus Mangel an Präzision

Robert von Rimscha

Langeweile und Frühstücke sind die beiden Themen, die Joschka Fischer im Gepäck haben wird, wenn er diese Woche zwei Auslandsreisen unternimmt. Langeweile: Dies ist die Erklärung, die Außenamts-Staatsminister Ludger Volmer am Mittwoch im Plenum des Bundestages zur Verteidigung seines Ministers abgab, als die Opposition Details zu Fischers Teilnahme 1969 an einem PLO-Solidaritätskongress in Algier erfahren wollte. "Nur circa eine Stunde" habe Fischer an dem Kongress teilgenommen, beschied Volmer, weil die Sitzung so dröge gewesen sei. Da habe der heutige Minister sich doch lieber die Stadt angesehen.

Zwei Kollegen aus der fünfköpfigen Delegation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS erinnern sich anders. Als die Resolution vom "Endsieg" des palästinensischen Volkes über den Zionismus-Imperialismus verabschiedet wurde, sei Fischer "von Anfang bis Ende dabei" gewesen, hat die SDS-Delegierte Inge Presser dem "Spiegel" gesagt.

Fischers Sprecher musste inzwischen einräumen, dass Ludger Volmer vom Minister nicht detailliert über den Konferenz-Verlauf informiert worden sei. Denn auch Volmers Behauptung, Fischers Freund Daniel Cohn-Bendit habe in Algier teilgenommen, war offenbar nicht richtig.

Keine Grenzen gekannt

Cohn-Bendit, der jüdischer Herkunft ist, sollte als Beleg dienen, dass es bei aller Wandlungsfähigkeit Fischers eine Konstante gibt. Seit seinem 16. Lebensjahr, so Fischer, habe er die deutsche Schuld gegenüber den Juden angenommen. Der Kosovo-Krieg, um ein Auschwitz zu verhindern, war sozusagen die späte Folge dieser Einsicht.

Wolfgang Schwiedrzik vom Berliner SDS lässt Zweifel an der pro-jüdischen Kontinuität Fischers aufkommen. Bei der "Steigerung von Kampfformen" für die Sache der PLO habe die Phantasie der SDS-Delegierten "keine Grenzen" gekannt. Man habe nie darüber nachgedacht, dass die Zerstörung Israels die Voraussetzung war für all das, was die PLO forderte.

Um die Präzision und Wahrheit von Erinnerungen geht es auch beim Thema Frühstück. Im Frankfurter OPEC-Prozess gegen seinen einstigen Weggefährten Hans-Joachim Klein sagte Fischer am 16. Januar über die RAF-Terroristin Margrit Schiller: "Mit der habe ich nie zusammengewohnt." Der Richter war äußerst kulant gewesen und hatte den Zeugen Fischer vor seiner Aussage belehrt, es stehe ihm frei, zu antworten, da dies kaum noch zur Sache gehöre. Nun sind sieben Anzeigen eingegangen, die auf gemeinsame Frühstücke Bezug nehmen. Die Nähe Fischers zu Schiller in der Bornheimer Landstraße 64 habe doch ein Zusammenwohnen konstituiert.

Staatsanwaltschaft am Zug

Erinnerungslücken, mangelnde Präzision - oder dreiste Salami-Taktik? Dies ist die Kernfrage, die in dieser Woche auf zwei Ebenen verhandelt wird. Politisch wird die Opposition dafür sorgen, dass nicht locker gelassen wird, damit diese Aufregung nicht so schnell verpufft, wie vor drei Wochen die Steinewerfer-Fotos und das Bekenntnis zur Militanz. Hessens CDU will sogar untersuchen lassen, ob sich mit V-Mann-Berichten der Verdacht erhärten lässt, Fischer sei 1975 am Angriff auf das spanische Generalkonsulat beteiligt gewesen. Sogar Mordversuch komme als Vorwurf in Betracht.

Juristisch ist die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Zug, die am Montag per Presseerklärung zum Stand der Ermittlungen wegen uneidlicher Falschaussage Position beziehen will. Es ist gut möglich, dass die Staatsanwaltschaft ein klärendes Gespräch mit Fischer führen möchte. Angesichts des Terminkalenders des Außenministers wird dies nicht leicht werden.

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