Kultur : Joschka Fischer: Elfeinhalb Zeilen für den Außenminister

Charles A.Landsmann

Die Vergangenheit von Joschka Fischer ist in Israel kein Thema. Das Interesse der Medien, Politiker und Bürger des jüdischen Staates konzentriert sich in diesen Tagen auf die Regierungsbildung und nebenbei noch auf die Eskalation in den palästinensischen Gebieten. Joschka Fischer schaffte es in der großen liberalen Tageszeitung "Haaretz" gerade mal auf Seite zehn - in eine kleine Meldung. Den Massenblättern "Yedioth Ahronoth" und "Maariv" war er keine Zeile wert. Im "Haaretz" berichtete der Deutschland-Korrespondent über den Verdacht einer Falschaussage Fischers beim Prozess gegen den Terroristen Klein und die bevorstehende Eröffnung einer Strafuntersuchung. Ganze elfeinhalb Zeilen wurden über Fischers Teilnahme am PLO-Kongress in Algier im Jahre 1969 geschrieben - der Punkt in Fischers Vergangenheit, für den sich die Israelis am meisten interessieren sollten, hatte das Treffen doch der "Befreiung Palästinas mittels gewaltsamen Kampf" gegolten.

Im Wahlkampf hatte sich der künftige israelische Premier Scharon noch mit der Feststellung gegen die Anschuldigungen gewehrt, er habe den verlustreichen Libanonkrieg 1982 ausgelöst, dass das alles schon so weit zurückliege und man besser daran täte, sich um die Zukunft zu kümmern, als in den Archiven zu wühlen. Der Wähler gab ihm Recht. Wenn man schon die eigene Geschichte von vor 19 Jahren zu verdrängen hat, was soll man sich dann mit derjenigen eines fremden Ministers von vor 32 Jahren beschäftigen - meinten Kommentatoren zum Tagesspiegel und gaben zu, von Fischers Problemen "keine Ahnung" zu haben.

Übrigens: Angaben darüber, dass Fischer in den Jahren, bevor er Außenminister wurde, nicht im Nahen Osten gewesen sei, treffen nicht ganz zu. Im Februar 1997 besuchte er als Fraktionsvorsitzender der Grünen Israel und die autonomen palästinensischen Gebiete, traf sich aber nur mit Jassir Arafat, nicht mit einem Mitglied der damaligen nationalkonservativen Regierung unter Benjamin Netanjahu - weil diese keine Zeit für ihn hatten. Fischer gab sich staatsmännisch zurückhaltend, sagte aber abschließend, dass er die Politik Israels "nicht mehr verstehe". Netanjahu habe ihm als Oppositionschef zuvor "genau das Gegenteil von der Politik erzählt, die er heute verwirklicht". Mit dem neuen Premier Ariel Scharon könnte dem Außenminister nun das Gleiche wieder passieren; vor allem, wenn es nicht zu einer "Regierung der nationalen Einheit" kommt, sondern zu einer kleinen Koalition mit den religiösen und nationalistischen Ultras.

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