Kultur : José Cura: Siegertränen

Ulrich Amling

Er soll ja ein richtiger Rüpel sein. Einer, der die Faust gegen buhende Opernfans erhebt und mit tenoralem Grollen "Ein Teil des Publikums stinkt", ausruft. Solches Bühnengebaren brachte José Cura den Ruf eines Klassik-Effenbergs ein. Eine gefährliche Schramme im Image des argentinischen Beau, der doch als "vierter Tenor" Furore machen sollte. Schließlich sind seine singenden Vorbilder besser im Einstecken als im Austeilen. Bei seinem Berlin-Debüt auf dem Gendarmenmarkt ist Cura aber ganz artig. Er geleitet seine Partnerinnen Simona Baldolini und Hermine May zu jedem Auftritt sanft auf die Bühne, er schenkt Sigrid, die zum letzten Mal ihr Cello bei der Anhaltischen Philharmonie Dessau spielt, seinen Blumenstrauß. Und weil Schillers Statue direkt vor ihm auf dem Platz steht, widmet er dem Genius des Dramatikers seine Interpretation von Verdis "Don Carlo". Nein, unter dem Schlagwort "Pöbelklassik" lässt sich dieser Auftritt nicht verbuchen.

So vollendet zurückhaltend wie Cura im schwarzen Seidenhemd auf dem Stufen des Schauspielhauses agiert, so sparsam dosiert er den Einsatz seiner Stimme. Einzig der Auftakt, die "Aria di Corrado" aus Verdis "Il Corsaro" drängt ihn bei nicht optimal eingesungener Kehle zum Forcieren. Ein Ausrutscher, denn Cura beherrscht eine zumal unterm Sommerhimmel seltene Kunst: die des aufgesparten Höhepunkts. Die brütenden Helden liegen ihm, die neurotischen Geister, Männer, die weinen können. Auch wenn Verdi etwas zu stark von Seufzern durchfeuchtet wird, gelingt es Cura in jedem Moment, seine Stimme ins rechte Licht zu rücken. Die ist wirklich ein Ereignis: dunkel timbriert, differenziert eingefärbt, klug geführt. Es scheint, als haben der schnelle Erfolg und die emporschießenden Erwartungen Cura zu einem reiferen Künstler gemacht. Und so selbstsicher, dass er sich traut, dem Publikum wenig Bekanntes und wenige Spitzentöne anzubieten. Doch die Rechnung geht auf, obwohl Pavarotti-Dirigent Janos Acs dem Tenor jeden Ton hinterherschleppt. Doch Cura ist viel wendiger als Big P. Und klüger. Erst nach einem samtpfötigen Don José (im Duett mit der gurrenden Carmen von Hermine May) jagt er Puccinis "Nessun dorma" in den Nachthimmel. Seine Arme wirbeln, seine Stimme fliegt. José Cura hebt ab. Hoffentlich landet er bald - an einem Berliner Opernhaus.

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