José Saramago : Zorn in sehr kurzen Sätzen

Amerikahass? Antisemitismus? Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago, der sich selbst als Radikaldemokrat versteht, verheddert sich als Blogger.

Wilfried F. Schoeller
Der Romancier als Polemiker. José Saramago im November 2009. Sein umstrittenes Tagebuch soll im Herbst erscheinen. Foto: AFP/Marcou
Der Romancier als Polemiker. José Saramago im November 2009. Sein umstrittenes Tagebuch soll im Herbst erscheinen. Foto:...Foto: AFP

Eine so selbstverständliche wie banale Angelegenheit: Ein Autor wechselt den Verlag, weil er sich etwas davon verspricht. Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago hat sich zu diesem Schritt entschlossen: Kürzlich ist er mit seinem gesamten Werk in Deutschland von Rowohlt zu Hoffmann und Campe gewechselt; dort wird im Herbst sein Roman „Die Reise des Elephanten“ erscheinen. Wenn man die lapidare Pressemitteilung jedoch ein wenig hinterfragt, kommt erheblicher Konfliktstoff zum Vorschein.

Es geht um den Internetblog, den der heute 87-jährige, nach wie vor ungemein produktive Schriftsteller rund fünf Jahre lang geführt hat. Arrangiert zu einer Art Tagebuch sollen die Notate vom September 2008 bis März 2009 ebenfalls im Herbst in deutscher Übersetzung herauskommen. Auf portugiesisch sind die Texte im Netz vollständig zugänglich.

Es sind die vorwiegend zornigen aidemémoires eines alten Herrn, der schon immer hinter seinem stillen, unnahbaren Wesen und seinen taoistisch-melancholischen Augendeckeln heftigen polemischen Furor verborgen hat. José Saramago hat sich, aus dem ländlichen Elend stammend, im Armenviertel aufgewachsen, über die Reichen und das soziale Elend in seinem Land lebenslang echauffiert, er ist noch heute Mitglied der Kommunistischen Partei, er versteht sich als Radikaldemokrat. In seinen „Cadernos de Lanzarote“ (benannt nach seinem heutigen Wohnort) schäumt er in kurzen Artikeln über den Zustand der Welt, die bei ihm vorwiegend aus amerikanischen Untaten besteht und von Zockern sowie verbrecherischen Bankern beherrscht wird. George W. Bush ist für Saramago eine Lügenkoryphäe, der Wechsel zu Barack Obama lässt nur gedämpfte Hoffnungen aufkeimen.

Dieser Blog ist eine Art Beschwerdebuch über den globalisierten Kapitalismus, die Schurkereien seiner Akteure, über die Politiker als moralische Fehlfarben, heißen sie nun Berlusconi oder Aznar oder Sarkozy. Aber auch die Linke wird mit einer vollen Breitseite bedacht: Sie könne gegenwärtig weder handeln noch denken. Und weil dem Atheisten Saramago Gott schon immer eine nahe Größe war, findet sich auch reichlich Verwerfungspotenzial gegen dessen Stellvertreter auf Erden. „Ratzinger“, wie der Papst im Blog wohl durchgehend genannt wird, entlarvt sich Saramago zufolge als Bushs Kollege im Geiste der Wahrheitsvermeidung. Man kann diese Wuteskapaden auch als Donquichotterien der entschlossenen Gesinnung ansehen, als schrille Begleittrompeten, die den Erzähler vom Tageswirrwarr entlasten.

Bush und der Papst: zwei, die die Wahrheit verweigern

Das wäre eine Lesart zur Güte. Im Übrigen ist auch der gravitätische, epische Zauberer von Romanen wie „Die Stadt der Blinden“ oder „Memorial“ im Tagebuch durchaus sichtbar. Manch komische Erwägungen wie die von der Vermehrung der Bibliotheken durch Ehescheidung, eine wundervolle Miniatur über Fernando Pessoa, der im Spiegel einen anderen sieht, den er Ricardo Reis nennt (über den Pessoa einen seiner schönsten Romane schrieb), Liebeserklärungen an Kollegen wie Jorge Amado und Carlos Fuentes sowie ironische Reflexionen seiner späten Schriftstellerei kommen hinzu.

All das wird aber vom Polemiker Saramago übertönt. Der Gazakrieg in den letzten Dezembertagen 2008 und im Januar 2009 ist Anlass für mehr als ein halbes Dutzend Notate, in denen er die Untaten der Israelis geißelt. Deren Politiker und Soldaten gelten ihm als Experten der Grausamkeit, die das palästinensische Volk seit 60 Jahren peinigen. Den Amerikanern und den Israelis wirft er kriminelle Komplizenschaft vor. Die Geschichte von David und Goliath werde mit vertauschten Rollen gespielt: Die Davids sind Saramago zufolge nun die steinewerfenden Palästinenser, und in Israels Armee mit ihrer HightechAusstattung macht er den Riesen aus – in einem asymmetrischen Krieg. Israel wolle im Namen des Holocaust internationale Straffreiheit für sich erzielen – die Wiederholungsschleife ist eingebaut.

Die Shoa leugnet Saramago keineswegs, er schreibt darüber, er äußert Empfindungen für deren Opfer. Aber er versteigt sich immer wieder zum abstrusen Vergleich der Täter von damals mit den israelischen Militärs. Schon 2002 hatte Saramago bei einem Besuch in Ramallah das Verhalten der Israelis mit dem der Nazis gleichgesetzt, was viele empörte und ihm von der Anti-Diffamation-League den Vorwurf des Antisemitismus eintrug. Rowohlt wollte solche Passagen aus dem Kriegsgebiet der Propaganda jedenfalls nicht durchgehen lassen. Saramago weigerte sich, sie zu tilgen – und erhielt seine Rechte zurück. Hoffmann und Campe will das Tagebuch nun mit den inkriminierten Stellen veröffentlichen und das weitere Werk des Portugiesen dazu.

Ein Karussell an peinigenden Einzelheiten: Ein großer alter Mann verdunkelt die Reihe seiner gloriosen Romane mit antiimperialistischem und antijüdischem Parolenspuk. Rowohlt wiederum nimmt zwar das Tagebuch des Nobelpreisträgers in sein Programm, will es aber nur in bereinigter Form drucken – und verliert einen großen Autor. Und wer weiß, ob dessen bisheriges Werk bei Hoffmann und Campe nun nicht auf der Strecke bleibt.

Da hört man lieber David Grossmann zu, der am Sonntag in Bremen bei der Verleihung des Albatros-Literaturpreises ein Plädoyer gegen Angst und Misstrauen auf allen Seiten in Nahost hielt und der, oft genug hat er es betont, für eine Lösung von außen eintritt, für eine Lösung mithilfe der Amerikaner.

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