Kultur : Josef Kramhöller: Theoriepoesie

Vanessa Müller

Das Schaufenster markiert die Grenze zwischen Ware und Konsument. Es figuriert als Membran zwischen ausgestelltem Schauwert und potenziellem Käufer. Dekorativität ist sein Argument, Verführung sein Ziel. Eine Fotoserie von Josef Kramhöller aus dem Jahr 1995 zeigt seine Fingerabdrücke auf den Schaufensterscheiben der exklusiven Juwelierläden in der Londoner New Bond Street (Auflage 5, je 400 Mark). Der Luxusschmuck selbst ist auf diesen Fotos allerdings kaum zu erkennen. Er verliert sich in der Unschärfe des Hintergrundes, während der Abdruck deutlich erkennbar ist. Durch die Fokusverschiebung markiert die Spur auf dem Glas die durchsichtige Grenze als undurchdringbare Distinktion und verweist auf An- und Abwesenheit zugleich: Kramhöller setzt ein Zeichen, auch wenn die Markierung auf dem Panzerglas so pointiert nur seine eigene Kamera sieht. Letztlich ist die Aktion mit dem Fingerabdruck eine Intervention am Rande der Warenzirkulation, die um die Marginalität des eigenen Handelns weiß und es trotzdem tut.

Der Symbolwert des Kapitals

Der im Mai diesen Jahres verstorbene Josef Kramhöller war mit seiner Kunst der Ökonomie auf der Spur. In seinem heterogenen Werk, zu dem auch Videos und Performances zählen, werden immer wieder ähnliche Themen variiert. Die meisten Arbeiten, die jetzt in der Galerie Kienzle & Gmeiner zu sehen sind, verhandeln das Kapital als symbolische Form. Rekurrentes Motiv der Zeichnungen ist das Porträt von Clara Schumann, der Frau auf dem Hundertmarkschein. Daneben steht das Gebäude des Volkswagen-Konzerns als Skizze, in der sich Architektur und Kapitalismus signetartig verdichten. Die zuletzt entstandenenen, großformativen Zeichnungen sind gestisch-expressive Bearbeitungen der eigenen Performances. Bewegung und Formation, Zuschauer und Ereignis bestimmen den Gestus zwischen Figur und Grund dieser skizzierten Choreographien (Zeichnungen zwischen 400 und 8000 Mark). Wo sich Fotografie und Video als Dokumentationsmedium auch auf dem Markt längst etabliert haben, setzt Kramhöller auf die Zeichnung als Überlebensstrategie des Ephemeren.

Denn irgendwie geht es auch um die Neubestimmung der Basiskoordinaten des glanzvollen Lebens. "Genuss Luxus Stil" nennt sich das Buch mit Kramhöllers Texten aus den letzten zehn Jahren mit Briefen, Prosa und Reflexionen über postkapitalistische Strukturen. Der Text präsentiert sich als offenes all-over, unhierarchisch, voll von inszenierten Brüchen. Diskontinuität ist bei Kramhöller Programm. An den Rändern fransen die Worte aus, in der Mitte überlappen sich die Ideen. So formiert sich zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen ein neues Genre der Theoriepoesie, das konzentrisch um die Redefinition des - künstlerischen, politischen, privaten - Raumes kreist. Diese konzeptuelle Verbindung von Kunst und Politik präsentiert sich nicht als Ausweitung der Kampfzone, sondern als Nachdenken an der Peripherie des Kunstbetriebs. In allem steckt eine subtile Tendenz zur biografischen Entäußerung, prismatisch gebrochen durch intellektuelle Distanz.

"How to colonise colonised spaces" ist keine leere Diskursformel, sondern adressiert das Arbeitsfeld Kunst als gesellschaftliches Subsystem. Kramhöller hat in München und London studiert. Vor allem die englische Kunsthochschule figuriert in seinen Textarbeiten als Schauplatz ökonomischer Abhängigkeiten. Der white cube ist die eigentliche Bühne der Positionierungskämpfe im Klassensystem Kunst. "Ich schreibe ein neues Buch (ohne Inhaltsverzeichnis), nur der Titel: Mobbing in UK. Differenzierungspraxis in Britischen Kunstschulen." Fotokopien aus der Installation "The Lord drinks with the Cook in the Kitchen" zeigen Buchcover von William Morris, dem englischen Sozialreformer des ausgehenden 19. Jahrhunderts, daneben Farbkopien von Malkursen, die die Scientology-Sekte offeriert - Kunst im Dienste der Gesellschaft. Auch die Präraphaeliten als schöngeistige Reformer, die eine bessere Gesellschaft durch veredeltes Kunsthandwerk anstrebten, tauchen als Keimzelle verklärter Art College Ambitionen immer wieder auf. Kramhöller registriert und interveniert, ist Teil des Systems und bleibt doch bewusst außen vor. "Die mögen mich nicht - die St. Martinsstudents, die Chelseastudenten, die Goldsmithstudenten und die Royal College Studenten. Sladeschool Studenten kenne ich nicht."

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