Kultur : "Josef und Maria": Das traute, gar nicht heilige Paar

Günther Grack

"Weihnachtszeit, Wunderzeit" - es ist so weit. Noch einmal, ein letztes Mal, hat das Kaufhaus seiner Kundschaft die Sonderangebote zum Fest angepriesen, "Plastikchristbäume", abwaschbar wie die Weihnachtskrippe aus unzerbrechlichem Kunststoff, "darüber der Stern von Bethlehem mit elektrischer Intervallbeleuchtung". Jetzt, am Nachmittag des 24. Dezember, schließt der Konsumtempel seine Pforten. Stille kehrt ein - stille Nacht, heilige Nacht? Nein, noch schläft nicht alles. Der junge Mann, der an seiner Lautsprecheranlage die Sonderangebote ins Mikrophon gesprochen hat, ist gegangen, der Personalraum des Warenhauses so menschenleer wie die Verkaufsräume auch, da tritt eine ältere Frau ein, um nun ihre Arbeit aufzunehmen, das Putzen. Sie wechselt den Mantel gegen einen Kittel, sie gießt Wasser in einen Eimer, sie verschwindet im Hintergrund und kommt mit einer Flasche Schnaps zurück. Sie genehmigt sich einen Schluck und sagt: "Warum sind die Menschen so wie sie sind?"

Was der Autor Peter Turrini da seine Person fragen lässt, klingt wie ein Nachhall jener Klage, die August Strindberg in seinem "Traumspiel" der Tochter des Gottes Indra in den Mund gelegt hat: "Es ist schade um die Menschen." Sie könnten bessere Menschen sein als sie sind - vor allem nicht so lieblos zueinander, so rücksichtslos auf sich selbst bezogen. Maria Patzak, Turrinis Putzfrau, ärgert sich über die Familie ihres Sohnes, besonders über die böse Schwiegertochter, und damit es nicht beim Selbstgespräch bleibt, findet sich ein Mensch ein, dem sie ihr Leid klagen kann, der aber selbst noch einsamer ist als sie: Josef Pribil, Angestellter der Wach- und Schließgesellschaft. "... alles schläft, einsam wacht ..." - aus dem trauten, hochheiligen Paar des Weihnachtsliedes ist in Turrinis Stück "Josef und Maria" ein schlichtes Paar kleiner Leute geworden. Freilich, alle beide sind sie Menschen, die einmal von Größerem geträumt haben: Maria von einer Karriere als Tänzerin, Josef von der kommunistischen Weltrevolution. Der Heilige Abend im leeren Warenhaus hat sie dienstlich zusammengeführt, ihre Einsamkeit in Gemeinsamkeit verwandelt, aber noch müssen sie erst lernen, einander zuzuhören. "Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!", singt Josef in das Mikrophon der Tonkabine und merkt nicht, dass Maria mit ihm anbandeln will: "Ich weiß schon, dass ich nicht auf der Höhe meiner Frischität bin", zischt sie, "aber dass ich mich von einem alten Radikalinski abweisen lassen muss, das hab ich nicht notwendig."

1980 im Wiener Volkstheater uraufgeführt, 1985 im Theater im 3. Stock der Berliner Volksbühne nachgespielt, ist "Josef und Maria" jetzt in einer Neufassung, die "den geschichtlichen Veränderungen Rechnung trägt", abermals in Berlin zu sehen, an einem Ort, an dem man solche Kost schwerlich erwartet hätte: in der Komödie am Kurfürstendamm. Das Wölffersche Boulevard-Imperium will in Zukunft über das pure komödiantisch-musikalische Amüsement hinaus auch die literarische Moderne bieten, so etwa Erich Kästners Roman "Fabian - Geschichte eines Moralisten" in einer Dramatisierung von Gottfried Greiffenhagen oder ein Werk von Rainer Lewandowski mit dem geheimnisvollen Titel "Heute weder Hamlet". Vorerst also der neue, alte Turrini - neu insofern, als er ins Jahr 1992 fortgeschrieben ist: Josef muss sich nun, nach der politischen Wende in Europa, von seinem Traum eines sozialistischen Endsiegs verabschieden, er ist damit noch einsamer geworden. Fast weht ein Hauch von Tragik um ihn - legt sich gar ein rosa Heiligenschein um sein Haupt mit dem strubbeligen Haar?

Die Inszenierung, die Kitty Buchhammer, Hochschullehrerin für darstellende Kunst in Graz, in Ezio Toffoluttis zweckentsprechend nüchternem Bühnenbild erarbeitet hat, lässt allzuviel Sentimentalität nicht aufkommen, ohne sie doch gänzlich zu unterdrücken. Zwei Schauspieler von dem Format, das hier in Erscheinung tritt, lassen sich die diversen Ingredienzien dieses Rollenfutters naturgemäß nicht entgehen. Hilmar Thate posaunt die revolutionären Tiraden seines Josef aus voller Brust heraus, er gibt dem Eifer, mit dem er in der Westentasche nach Papieren greift, um seine Überzeugungen schwarz auf weiß zu unterfüttern, aber auch die komische Übertreibung mit. Und wer lacht nicht über diesen Josef, der, mit Maria im Bett gelandet, sich einer Diktion befleißigt, als hätte sie ihm Ödön von Horváth auf den Leib geschrieben: "Die Situation ist dermaßen, dass das Du-Wort angebracht wäre"? Das breite Bett, mit weißseidenen Kissen üppig ausgestattet, hat mit eigener Hand eine zarte Maria herangekarrt: Angelica Domröse, eine Putze, die nicht nur das verhärmte Mütterchen mit der verwischten Wimperntusche hervorkehren, sondern auch einen Widerschein des verblichenen jugendlichen Glamours zeigen will. Das Varieté im albanischen Tirana, wo Maria einmal auf den Tischen getanzt hat - sie lässt es wiederaufleben, indem sie Josef ihr schlankes Bein unter die Nase hält: "Ich war eine schöne Frau", sagt sie mit hocherhobenem Haupt. Den übermütigen Einfall, mit dem Wachmann, der mit beiden Füßen vierschrötig auf der Erde steht, Tango tanzen zu wollen, realisiert sie mit einem Charme, der Josef mitreißt - und die Zuschauer desgleichen.

Am Ende liegt das traute, gar nicht heilige, sehr menschliche Paar im Bett, man hält sich die Hände vor die Augen und darf sich etwas wünschen. Wird es in Erfüllung gehen? Ein Alarmsignal ertönt, Polizeihorn oder Feuerwehrsirene, und reißt Maria und Josef aus ihrer Träumerei. Es ist schade, dass diesen Menschen kein Happy End gegönnt ist. Für die Schauspieler wird es trotzdem ein schöner Erfolg: Jubel, Trubel, Dankbarkeit ruft Turrini und die Seinen immer wieder an die Rampe der schmucken Schatulle am Kurfürstendamm.

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