Joseph Haydn : Feine Widerhaken

Burgenland in Haydn-Hand: Nikolaus Harnoncourt eröffnet den Jubiläumsreigen auf Schloss Esterhazy. Eine Haydn-Exkursion.

Frederick Hanssen
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Klangredner Nikolaus Hanoncourt. -

Von wegen Papa Haydn! Das Klischee stimmt schon rein biologisch nicht: Denn die unglückliche Ehe des Komponisten blieb kinderlos. Joseph Haydn hat sehr unter seiner unmusikalischen Frau gelitten. Dafür war er, in seinen eigenen Worten, „den Reizen anderer Frauenzimmer gegenüber weniger unempfänglich“. So dürr die Faktenlage zu seinem Privatleben sein mag, es finden sich doch hier und da Indizien für Seitensprünge und gar für einen inoffiziellen Nachkommen. War dieser Meister der Tonkunst, der Erfinder von Streichquartett, Sinfonie und Klaviersonate, also eher ein cool daddy?

Im österreichischen Eisenstadt, wo der Komponist fast drei Jahrzehnte dem Fürsten Esterhazy gedient hat, nährt man diese Vermutung gern. Denn hier im Burgenland, eine Autostunde südöstlich von Wien, träumen die Lokalpolitiker davon, aus Joseph Haydn das zu machen, was Mozart für Salzburg ist: ein perfektes Stadtmarketing-Maskottchen. Am 31. Mai jährt sich der Todestag des Künstlers zum 200. Mal, und am vergangenen Dienstag, zu seinem 277. Geburtstag, starteten die Jubelfeierlichkeiten, die bis weit in den Herbst andauern werden.

Keinen Geringeren als Nikolaus Harnoncourt hat man mit seinem Concentus Musicus aus der Kapitale herangeschafft, um den Rang des Jubilars als Revolutionär zu beglaubigen. „Mozart ist der Architekt, Haydn der Abenteurer“, hat der große Pianist Alfred Brendel einmal über die Kompositionsprinzipien der beiden Klassiker gesagt. Und der gewiefte Klangredner Harnoncourt setzt im Haydnsaal des Eisenstädter Schlosses alle rhetorischen Kniffe ein, um das Unerhörte an dieser Musik hörbar zu machen. Dabei geht es darum, das Publikum zum Mitdenken zu verführen. Nur wer den Mut hat, sich seines Verstandes zu bedienen, entdeckt den geistreichen Witz, den subversiven Charme Haydns. Konventionell erscheinen die Partituren nur bei oberflächlicher Betrachtung – im Detail weicht Haydn ständig von der Norm, vom Erwartbaren ab, überrascht mit Volten und Pointen, mal grotesk überzeichnet mit Schingderassabumm wie in der „Militärsinfonie“, mal subtil durch atmosphärische Störungen im harmonischen Gefüge wie im Finale der 95. Sinfonie.

Diesen zwei späten Werken aus der Londoner Zeit stellt Harnoncourt im barocken Prunksaal des Esterhazy-Schlosses Haydns allererste Sinfonie von 1759 gegenüber sowie die 59., die hier 1768 erstmals zu Gehör gebracht wurde. Grandios, wie der Dirigent dabei den Klang seines Concentus Musicus zu formen weiß: herb und spröde für die Frühwerke, die hier so eigenwillig daherkommen wie die traditionellen Rotweine der Region.

Nach der Pause scheint ein anderes Orchester aufzuspielen. Nicht nur die Besetzung ist größer, auch der Sound wirkt gereifter, die vorher so ruppigen Streicher singen die Melodien mit zarter Stimme, ohne dass die bestechende Klarheit verloren ginge, mit der Harnoncourt die tausend Nuancen, die feinen Widerhaken dieser Musik herausarbeitet.

Ein überwältigendes Eröffnungskonzert, das auch von der wachen Zeitgenossenschaft Haydns kündet: mit der „Anti-Militär-Sinfonie“, wie sie der Dirigent nennt. Immer wieder unterbricht der Schlachtenlärm brutal die Idylle zweier Liebender. Die zerstörerische Kraft des Krieges war zuvor schon beim nachmittäglichen Auftritt des wunderbaren Wiener Arnold-Schönberg-Chores in der Eisenstädter Bergkirche präsent gewesen, in Form des bedrohlichen Pauken-Solos in der „Missa in tempore belli“.

Mit gleich vier Ausstellungen versucht das kleine Eisenstadt, seinem großen Sohn nahe zu kommen. Der fürstliche Kapellmeister und der Privatmann sind zu erleben, aber auch der Burgenländer, der mit offenen Ohren den vielfältigen Klängen im Vielvölkerwinkel an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei lauscht, sowie der praktizierende Katholik. Der wusste seine heitere Gottgläubigkeit nicht nur in erhebenden Sakralwerken auszudrücken, sondern auch praktisch zu nutzen, um im Gebet neue Konzentration zu finden.

Weil Österreich im Haydn-Jahr den Namen dieses lokal handelnden, global denkenden Mannes in die Welt hinaus senden möchte, wurde am Dienstag gleich auch noch eine Sonderbriefmarke mit seinem Konterfei herausgegeben – 1,2 Millionen Stück im Wert von 65 Cent, passend für Post ins europäische Ausland.

Infos: www. haydn2009.at

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