Journalismus : Wallraff ermittelte im Callcenter

Der Autor Günter Wallraff hat nach mehr als zehnjähriger Pause wieder als Enthüllungsreporter Missstände aufgedeckt. Er heuerte unter falscher Identität in einem Kölner Callcenter an.

Köln - "Ich habe wieder under cover angefangen. Die Zustände fordern es", sagte der Schriftsteller (64) in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Wallraff ist international vor allem mit seinem Buch "Ganz Unten" (1985) bekannt geworden, für das er sich in Betrieben als türkischer Leiharbeiter Ali ausgab, um später die dortigen Arbeitsbedingungen anzuprangern.

"Es gibt Themen wie Billiglohn oder betrügerische Machenschaften von Callcentern, wo ich gebraucht werde", so Wallraff. "In der Branche herrschen Zustände, die man sichtbar machen muss." Für die Rolle habe ihn ein Maskenbildner um 15 Jahre verjüngt. Als vermeintlicher Hans Esser hatte er einst auch die "Bild"-Zeitung unter die Lupe genommen - und dies in "Der Aufmacher" (1977) geschildert.

"Den Leuten werden Dinge angedreht"

"In den Callcentern, die sich ausbreiten wie eine Seuche, werden Leute zu Betrügern ausgebildet", kritisierte der Schriftsteller. Äußerlich kämen die inzwischen mehr als 5500 Callcenter in Deutschland meist seriös daher, aber: "Es wird sehr stark über Telefondrücker gearbeitet, den Leuten werden Dinge angedreht, die sich nicht brauchen oder die ihnen schaden." Beispiele seien Abonnements, Versicherungsverträge oder Lottolose, die in belästigender Weise und zu überteuerten Preisen am Telefon feilgeboten würden.

Seine erste Enthüllungsreportage, die am Donnerstag im neuen "Zeitmagazin Leben" der Wochenzeitung "Die Zeit" erschien, sei erst der Anfang, sagte der Autor, der für seine Enthüllungsreportagen auch in gefährliche Rollen geschlüpft war, dabei sogar Folter und monatelange Haft in Kauf genommen hatte. "Es wird wieder harte Arbeit und auch Selbstverleugnung werden", sagte Wallraff. "Aber nach gesundheitlichen Problemen habe ich wieder viel Kraft und einen langen Atem und werde ausgiebig und im ganzen Land unterwegs sein, in Einzelfällen auch über die Landesgrenzen hinaus."

Weitere Reports geplant

Geplant sind Wallraff zufolge mehrere enthüllende Reports, die im "Zeitmagazin Leben" in lockerer Folge erscheinen sollen. "Die Sammlungen werden dann in ein Buch einfließen, der Arbeitstitel ist "In der schönen neuen Arbeitswelt"". Auch beim Thema Billiglöhne und Abbau von sozialen Rechten wolle er den Finger in die Wunde legen, kündigte der Autor an. "Ich wünsche mir sogar, dass es wie bei meinen früheren Reportagen zum Prozess kommt, denn dann würde ich meine Beweise vor den Gerichten als Prüfinstanz vorlegen." Er wolle möglichst viel öffentliches Interesse für die gesellschaftlichen Missstände erzeugen.

Zuletzt hatte Wallraff in Japan Mitte der 90er Jahre in der Rolle eines angeblichen iranischen Fremdarbeiters über deren schwierige Lebens- und Arbeitsbedingungen in dem asiatischen Land berichtet. (Von Yuriko Wahl, dpa)

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