Kultur : Jubel der Fremde

-

SCHREIBWAREN

Jörg Plath gratuliert St. Petersburg

zum 300. Stadtjubiläum

Einige der Großplakate, die die Zigaretten und Autoindustrie gerade nicht benötigt, werden derzeit von Versen geschmückt. Die deutschen Literaturhäuser haben sich diese Aktion ausgedacht, und im Berliner Literaturhaus lesen heute Abend einige der im Stadtbild präsenten Autoren: Rosemarie Waldrop, Oskar Pastior, Said und Adonis , der wohl bedeutendste Dichter der arabischen Welt, dessen Vortrag auch jenen, die des Arabischen nicht mächtig sind, unvergesslich ist (8.7., 20 Uhr).

Danach wendet sich das Literaturhaus nach Osten. „Wie oft“, heißt es in Ingo Schulzes Debüt „33 Augenblicke des Glücks“ (Berlin Verlag), „hatten wir zu den Rundbogenfenstern aufgeschaut, deren samtene rote Vorhänge die Zimmer verhüllten wie ein kostbares Geschenk. Wie oft hatten wir versucht, uns den triumphalen Blick vom Balkon der zweiten Etage auf die Anitschkow-Brücke vorzustellen, oder, je nach Kopfwendung, den Newski hinab oder hinauf oder auf die Anlegestelle vor uns unter den Pappeln.“ Newski-Prospekt und Newa – die zentralen topographischen Charakteristika der großen Stadt spielen ganz selbstverständlich hinein in die Geschichten aus Pieter, wie die Einwohner ihre Stadt liebevoll nennen. Bekannt ist sie unter vielen Namen: St. Petersburg, Petrograd, Leningrad und heute schlicht Petersburg. Alexander Puschkin ist der Sänger des hellen, freundlichen Pieter: „Gedeihe, Peters Stadt, und halt / Wie Russland selber unvernichtbar! / Es soll des Elements Gewalt / Dir untertänig sein und richtbar. / Es mögen ihre Wut uralt / Vergessen Finnlands rauhe Wellen / Und nicht mehr nutzlos zornig gellen / Und stören Peters ewigen Schlaf!“

Petersburg feiert seinen 300. Geburtstag, und das Literaturhaus feiert mit. „Wasser – Stadt“, heißt das Programm, das am 10.7. um 18 Uhr mit einer Ausstellung beginnt. In der Fasanenstraße glucksen und kichern die „Stimmen des Wassers“ in einer Klang- und Geräuschkomposition, „Organisches, Anorganisches“ liegt herum, Fotografien, Film- und Videoinstallationen zeigen die Stadt am Fluss und fließend. Zur Eröffnung liest Boris Konstriktor , der einst im Samizdat experimentelle Texte und in den Neunzigerjahren Gedicht- und Prosabände veröffentlichte. Von Konstriktor ist ebenso wie von Wladimir Kutscherjawkin und Arkadij Dragomoschtschenko (10.7., 20 Uhr) und von Dmitrij Woltschek und Dmitrij Golynko-Wolfson (11.7., 20 Uhr) bisher nichts auf Deutsch zu lesen. Ich kann aber verraten, dass die Gedichte nicht vom Wasser handeln und damit ein Kontrastprogramm auch zum Symposium bilden. Auf ihm werden sich am Freitag und Samstag Karl Schlögel, Hanns Zischler, Georg Witte und andere der Wasserstadt widmen (Programm unter Tel. 887 28 60, www.literaturhaus-berlin.de ).

Der letzte Programmpunkt gilt der Prosa: Im Literaturforum liest Angela Krauss aus der Erzählung „Weggeküsst“ (Suhrkamp). Ihre Erzählerin ist verstört von einer Stadt- und Warenwelt, die sie in ihrer Aufdringlichkeit und Geheimnislosigkeit beständig „wegküssen“ will. Nur im Zoo ist es anders. Dort, wo „die kreischenden, schmetternden, schluchzenden, jubilierenden Stimmen der Fremde“ über sie hereinbrechen, findet die Erzählerin Exil (10.7., 20 Uhr).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben