Jubiläum : Der Schlossbauer

Alles im Schlossneubau-Plan: Dem Architekten Franco Stella zum 70.

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Das Werk ist alles, der Künstler nichts. Mag dieser es auch hervorgebracht haben, das Kunstwerk überragt seinen Schöpfer, der schon mit dessen Erklärung überfordert ist. Diese Provokation, mit der sich die postmoderne Kritik vom Bann der Tradition befreite, wonach das schöpferische „Genie“ dessen Werk erkläre, hilft auch dabei, jenen Mann zu verstehen, der an diesem Mittwoch siebzig Jahre alt wird: Francesco „Franco“ Stella.

Stella ist der Baumeister von Deutschlands größtem und wohl ambitioniertestem Kulturprojekt: das fast 600 Millionen Euro teure Humboldtforum, das auf dem Fundament des Schlosses nach alten Plänen rekonstruiert wird. Die Bodenplatte ist gegossen, die Aufträge zur Errichtung des Gemäuers sind vergeben. Bundespräsident Joachim Gauck kommt im Juni zur Grundsteinlegung. Alles ist im Plan – sogar die Kosten.

Ausgerechnet das Schloss, ausgerechnet Stella – als die Jury vor fünf Jahren den Wettbewerb für die Gestaltung der Brache gegenüber von Dom und Neuem Museum verkündete, war die Empörung groß. Rekonstruktion ist rückwärtsgewandt, hieß es, ja Restauration die Rückkehr des Hohenzollernpalastes. Nur – der ganz große Wurf eines zeitgenössischen Baumeisters, der jene geschichtlich aufgeladene Leerstelle durch ein kraftvolles neues Zeichen gefüllt hätte, den gab es nicht. Zu stark wirkt wohl das Kraftfeld des Schlosses, das mit seiner Kubatur, seiner Ausrichtung und seinem barocken Bildprogramm Fixstern für die angrenzenden historistischen Gebäude war, für Straßenachsen und Stadtgrundriss.

Hatte Franco Stella das begriffen? Jedenfalls beschloss er, hinter dieses barocke Bauwerk zurückzutreten, auf die Rückseite gleichsam, wo er an einer einzigen der vier Fassaden die Moderne aufblitzen lässt, wie er sie versteht. Und weil er dabei dem Berliner Architekturkanon der neunziger Jahre genügt – durch Lochfassade und rationalistische Fensterrasterung – war es der Jury recht. Gerüchte, wonach alles ein abgekartetes Spiel sei, bei dem der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann die Strippen zog, blieben nichts als böses Gerede.

Wer heute den Mann mit der runden Brille und der weichen Stoffhose in seinem flirrenden Berliner Büro besucht, trifft einen herzlichen und inspirierenden Gesprächspartner an. In einem Englisch, das von der italienischen Diktion gedehnt ist, fächert er die Baugeschichte auf, während er vom Schloss schwärmt. Geboren im dörflichen Thiene in der italienischen Provinz, arbeitet der Architekturprofessur mit den ganz wenigen eigenen Bauprojekten in Berlin an seinem Lebenswerk. Ein freundlicher, etwas gehetzt wirkender Herr, „ein echter Künstler“, wie hinter vorgehaltener Hand einer der erfahrenen Bauingenieure und Architekten sagt, die ihm bei dem Großprojekt zur Hand gehen. Ralf Schönball

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