Jubiläum : Friedrich II. ist Preußens Popstar

Eine feste Größe im deutschen Geschichtsbild, eine Ausnahmegestalt: Warum uns Friedrich II. auch an seinem 300. Geburtstag noch erstaunlich nahe ist.

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Blaues Wunder. Friedrichs Originaluniform im Deutschen Historischen Museum. Foto: DHM
Blaues Wunder. Friedrichs Originaluniform im Deutschen Historischen Museum. Foto: DHM

Jede Zeit schreibt sich ihre Geschichte neu. Bekommen wir also die Geschichte, die wir gerne hätten? Da kann man in diesen Tagen nur staunen. Denn war Friedrich II. je so gegenwärtig wie an seinem 300. Geburtstag? Der alte Fritz, seit Menschengedenken eine Ehrfurcht gebietende Respektsperson, heißt nun einfach: Fritz. „Unser König“ nennt ihn ein Autor, alle mit ihm verbundenen Kontroversen großzügig vereinnahmend. Der Frauenverächter wird mit Vorliebe von Schauspielerinnen dargestellt, der asketische Pflichtmensch als Liebhaber üppiger Tafelfreuden entdeckt, und auch das fortdauernde Interesse, ob er homosexuell war oder nicht, bedient noch unser auf Toleranz gestimmtes Zeitgefühl. Auch wird an Aktivitäten nicht gespart, die Friedrich-Erklärer sind im Dauereinsatz, und die Ausstellung, die die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten im April eröffnet, ist, natürlich, die größte in ihrer Geschichte.

Andererseits: Haben wir je so viel in so kurzer Zeit über Friedrich II. erfahren? So viele scharfsinnige Geschichtsdeutungen, so viele hübsche Nebensächlichkeiten? Wir mögen da in die Falle unserer Erinnerungskultur geraten sein, die im Sog des Medienbetriebs historische Ferne durch Fülle überspielt. Aber schadet es, wenn wir derart traktiert werden mit den Daten der Schlesischen Kriege, seiner Hundeliebe, den Zitaten aus seinen Briefen? Selbst wenn wir die populäre Ansicht dran geben müssen, dass er die Kartoffel eingeführt habe. Bleibt die Frage: Erreicht uns diese Gestalt am äußersten Rande unseres Geschichtshorizontes noch?

300. Geburtstag von Friedrich II.
Am 24.01.2012 feiert Preußenkönig Friedrich II. seinen 300. Geburtstag. Hier eine Statue Friedrich II. im brandenburgischen Ort Letschin.Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2012 09:28Am 24.01.2012 feiert Preußenkönig Friedrich II. seinen 300. Geburtstag. Hier eine Statue Friedrich II. im brandenburgischen Ort...

Verwunderlich ist dieser Friedrich auf Augenhöhe ja auch deshalb, weil wir uns früher viel schwerer mit ihm taten. Die zwei Räume, die ihm vor 30 Jahren bei der Preußenausstellung im Gropiusbau gewidmet waren, behandelten ihn vorsichtig wie eine brisante Ladung, die jeden Augenblick in die Luft gehen konnte – und gaben die Fenster frei für den nachdenklichen Blick, der damals über die Mauer auf das Trümmerfeld der nationalen Geschichte ging. Fünf Jahre später wagte sich Richard von Weizsäcker als Bundespräsident am 200. Todestag entschlossen an eine Bilanz des Themas, Titel: „Friedrich der Große und der Missbrauch eines Mythos“. Wieder fünf Jahre später wirbelte die Überführung seines Sarges nach Potsdam bei manchen nichts Geringeres als die Angst vor der Wiederkehr eines deutschen Nationalismus auf.

Ist also Entwarnung und Entspannung angesagt? Aber Friedrich II. sorgt ja selbst mit seiner Existenz dafür, dass das Rätseln über ihn weitergeht. Keine Fernsehoper, keine Geburtstagsparty kann ihm seine beängstigende Ambivalenz austreiben. Der Repräsentant des Vernunftstaats ist eben auch der Machtmensch, der expansionistische Wiederholungstäter, der Zyniker und Menschenverächter. Seine Staats- und Pflichtenethik hat das politische Denken inspiriert, aber auch den Sonderweg der Deutschen in den Gehorsamsstaat. Sein Bild, das generationenlang deutsche Wohnzimmer schmückte, hing auch in Hitlers Bunker. „Friederisiko“ wird die große Potsdamer Ausstellung heißen: in der sprachliche Zangengeburt, dem grenzwertigen Werbegag schwingt etwas mit von dem Wagnis, sich auf ihn einzulassen.

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