Jubiläum : Gerhard Ritter wird 80 Jahre

Große Kreise: Zum 80. des Historikers Gerhard A. Ritter.

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Gerhard

Das große Aufsehen erregte das letzte Buch. Gerhard A. Ritters „Preis der Einheit“, erschienen 2006, trieb scharfsinnig und urteilssicher eine Sonde in den großen Umbruch, den die deutsche Wiedervereinigung darstellte. Die Rezensenten waren des Lobes voll und niemand geringeres als der Bundespräsident überreichte ihm dafür den deutschen Historikerpreis. Dabei ist Ritter längst eine der Größen der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit. Als Forscher und Herausgeber hat er neue Terrains erschlossen, vor allem auf dem Gebiet der Sozialgeschichte und der Arbeiterbewegung. Sieht man auf die Rolle, die seine Schüler, die Jürgen Kocka, Hartmut Kälble, Rüdiger von Bruch, Klaus Tenfelde, Karin Hausen spielen, so wird einem bewusst, dass der freundlich für sich einnehmende Mann, den man oft bei Veranstaltungen in Berlin sieht, eine heimliche Schlüsselgestalt seines Faches ist.

Es charakterisiert Ritter, dass er die spröderen Felder der Geschichte beackert hat. Er wollte – wie die anderen Historiker seiner Generation – die Einengung auf die Nationalgeschichte überwinden. Aber er ließ sich dabei weniger herausfordern durch die großen Reizthemen – auch in der Phalanx der Kombattanten im Historikerstreit glänzte er durch Abwesenheit – als vielmehr von dem Interesse an den großen Kräften und Apparaten der modernen Gesellschaft, den sozialen Systeme, den Parteien und Milieus. Er schrieb über den Sozialstaat und den englischen Parlamentarismus, und wagte sich auch an „harte“ Themen wie die Sozialversicherung. Aber er ist nicht nur ein nüchterner Mann der Fakten und Statistiken: Ritters Untersuchung über den Ort der Bundesrepublik in der deutschen Geschichte, mit der er auf die Wiedervereinigung reagierte, trägt die Widmung „Den Demonstranten in Leipzig und anderen Städten der DDR, die eine Diktatur zum Einsturz brachten“.

Aber kann das überraschen bei einem Mann, der so tief in Berlin verwurzelt ist wie er? Ritter ist Berliner, der Vater hatte einen kleinen Theaterverlag, unter den Vorfahren sind Bierfahrer, Schuster und pommersche Dienstmädchen. Seine Laufbahn begann in dem anregenden Klima der jungen Freien Universität, mit einem Bein bei den damals Maßstäbe setzenden Politikwissenschaftlern, und seine erste Professur hatte er am Otto-Suhr-Institut. Aber aufgewachsen ist er sozusagen in der Nachbarschaft der alten deutschen Geschichts-Tradition, zwei Häuser entfernt von Friedrich Meinecke, ihrem Repräsentanten im der ersten Jahrhunderthälfte, dem er auch – als seine Sehfähigkeit nachließ – vorgelesen hat. Der Verbundenheit zwischen ihm und seinen Schülern, die im dritten Reich emigrieren mussten, galt sein zuletzt erschienenes Buch, eine bewegende Briefedition. Da schließt es den Kreis, dass Ritter – der bereits 1991/92 beim Aufbau der Geschichtswissenschaft an der Humboldt-Universität half – seit 2001 wieder in seiner Heimatstadt lebt. An diesem Sonntag wird er achtzig Jahre alt. Rdh.

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