Jubiläum : Gottfried Böhm: Ein Leben im Betongebirge

Er ist schwer zu fassen. Er hat in schwerem Beton ebenso gebaut wie in lichtem Glas. Er hat harte Kanten gesetzt und schwingende Rundungen. Dem Architekten und Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm zum Neunzigsten

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Gottfried Böhm, Spross einer Baumeisterfamilie und selbst Vater von baumeisternden Söhnen, ist ein Architekt, der wie wenige andere alle Strömungen der Zeit wahrgenommen hat, um sie sich anzuverwandeln. Ein Stil, eine wiederkehrende Handschrift sind nicht daraus erwachsen; und doch fallen seine Bauten ausnahmslos aus jedem gängigen Schubladenbegriff heraus. Das hat sicher mit seiner Herkunft zu tun. Der Vater Dominikus war einer, wenn nicht der bedeutendste Kirchenbaumeister der Zwischenkriegszeit. In dessem Atelier hat Gottfried Böhm, geboren 1920 in Offenbach, doch aufgewachsen und verwurzelt im katholischen Köln, die Praxis des Architektenberufs erlernt. Sein erster eigener Bau wurde sogleich zu einer Ikone der unmittelbaren Nachkriegszeit: die Kapelle „Madonna in den Trümmern“ in der zerstörten Kirche St. Kolumba in Köln, rings um eine wundersamerweise verschonte Madonnenfigur errichtet. Die Kapelle rückte vor wenigen Jahren wieder ins Bewusstsein, als sie von Peter Zumthor mit dessen Neubau des Diözesanmuseums überbaut und damit auch ihrer Denkmalswirkung beraubt wurde.

Gottfried Böhm hat sich wie sein Vater zunächst ganz dem katholischen Kirchenbau gewidmet; allein bis 1959 entstanden knapp 40 Gotteshäuser, ehe sich die gesellschaftliche, aber auch die demografische Entwicklung gegen reine Kirchenbauten kehrten. Böhms bekanntester und zweifellos eindrucksvollster Bau ist die Wallfahrtskirche in Neviges im Bergischen Land westlich von Köln. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1963, geweiht wurde sie 1972: ein Betongebirge, Zelt und Höhle zugleich, in einer Ausdrucksstärke, wie sie Böhm nie wieder erreichte oder auch anstrebte. Ähnlich war das zeitgleiche Rathaus von Bensberg bei Köln als Betonskulptur erdacht, dann noch einmal die Kirche von Köln-Melaten.

Doch zugleich vollzog sich ein Bruch. Böhm wandte sich dem Profanbau zu und schuf Großwohnbauten in der Kölner Satellitenstadt Chorweiler – heute ein Problemgebiet ersten Ranges – oder nüchterne Bürohäuser wie das Landesamt für Statistik in Düsseldorf. In Berlin entwarf er 1977 mit der Bebauung des Prager Platzes nahe der Bundesallee eine stadträumliche Figur, die auszuführen zwölf Jahre und einen tiefgreifenden Mentalitätswandel der Berliner Bauverwaltung erforderte. Mit einem Mal waren Stahl und Glas bevorzugte Materialien, so bei einem Firmensitz nahe Stuttgart, der wie eine gläserne Einkaufspassage gestaltet ist – 1985 noch ein Novum.

Durchgänge, Lichthöfe, Kuppeln zählten nun zum ständigen Repertoire, und dass das tragende Skelett eines Geschäftshauses wiederum wie eine abstrakte Skulptur wirken kann, demonstrierte Böhm beim Peek & Cloppenburg-Haus an der Berliner Tauentzienstraße von 1995. Zuletzt entwarf er den Potsdamer Theaterneubau in romantischer Havellage als dreifache, rot leuchtende Betonwelle.

1986 erhielt Böhm als bislang einziger deutscher Architekt den renommierten Pritzker-Preis – bezeichnenderweise, wie es in der Jury-Entscheidung hieß, für sein „Handwerk, das von unseren Vorfahren Ererbtes mit neu Erworbenem verbindet“. Mittlerweile hat Böhm die Tradition an seine Söhne weitergegeben. Der erste Entwurf für die heftig umstrittene Groß-Moschee in Köln-Ehrenfeld stammte noch von ihm, Sohn Paul führt den Bau nun aus. Heute feiert Gottfried Böhm seinen 90. Geburtstag. Mehr als einer seiner Bauten hat Architekturgeschichte geschrieben.

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