Kultur : Juckende Kunst

Christoph Hein erhält den Schiller-Gedächtnispreis

Ulrike Kahle

Mit zwölf war Schiller sein Idol, als „gereifter Dreizehnjähriger“ entdeckte er Shakespeare, fortan war Schiller verdrängt. Christoph Heins persönliche Rede über Kultur und Barbarei, seine klaren, klugen Gedanken machten wach: Belebung durch Intellekt. Das war nötig nach dem germanistischen Proseminar, selbstbewußt leise vorgetragen von Ina Hartwig. Eine Laudatio, die keine war, nur ausführliche Inhaltsbeschreibung von drei Hein-Romanen plus etwas Fazit von wegen Rechtsempfinden bei Hein und Schiller.

Baden-Württemberg vergab den Schiller-Gedächtnispreis 2004 an Christoph Hein. Vergeben alle drei Jahre, dotiert mit 25000 Euro, Vorgänger war Alexander Kluge. Kunstminister Peter Frankenberg rühmte Hein als „Meister des Understatement“, seine „klarsichtige, unbestechliche Stimme“. Lobte seinen Mut, 1987 in der DDR öffentlich die Zensur zu geißeln. Und wünschte Hein Glück für seine neue Aufgabe als Intendant des Deutschen Theaters Berlin.

Das hat Christoph Hein 1987 in Ostberlin gesagt: „Die Zensur ist überlebt, nutzlos, paradox, menschen- und volksfeindlich ungesetzlich und strafbar.“ Heute meint er, Ost-West-Vorurteile sind überlebt. Wären sie es nur! Fern dem Berliner Ränkesumpf konnte man diese Preisverleihung jedenfalls genießen, im farbfrohen Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule mit glänzender Akustik. Eingestimmt mit Händel, nach Reden, Musik und szenischer Lesung großzügig bewirtet mit feinsten Häppchen, ohne Kontrolle der Einladungkarte mit Kleiderordnung: „Straßenanzug. Kurzes Kleid“. Die Damen kamen in Hosen.

Fern der Berliner Ost-West-Hetze, nur sanft erinnert an die erbitterte Konkurrenz der Länder Baden und Württemberg (ja, auch hier!) bei der Verleihung der Förderpreise, konnte man Christoph Hein sehen, wie er vermutlich wirklich ist: Ein bescheidener, überaus gescheiter Mann, der nach zwei Monaten Bedenkzeit das ihm überraschend angetragene Amt des Intendanten angenommen hat, denn: „Ich finde es spannend!“ Der, darauf angesprochen, natürlich nichts äußert zur hämischen Reaktion auf seine Benennung, sondern: „Stuttgart ist die einzige Ausnahme, seit vier Monaten mache ich keine Lesung mehr, nichts, arbeite fünfzehn Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche nur fürs Theater.“ Warum jetzt schon? „Die Verträge müssen gemacht werden, sonst sind die Künstler weg.“ Sagt nichts mehr, läßt lieber die Banalitäten einer Verehrerin mit Häppchen vollem Mund über sich ergehen.

Schrifstellern große, ungewohnte Aufgaben anzuvertrauen ist „in“ zur Zeit. Hat es vielleicht mit der Sehnsucht zu tun nach unabhängigen, kreativen Köpfen, die noch nicht im Kulturbetrieb verschlissen, durch den Medienwolf gedreht, vor lauter Festhalten auf dem Karrierekarussell langweilig geworden sind?

In seiner Rede suchte Christoph Hein nach Werkzeugen gegen die Barbarei. Schillers Werkzeug war die Kunst. Das der Bibel Liebe. Welches Korrektiv haben wir? „Liebe wird es nicht sein. Kunst ist zur Abendunterhaltung geworden, wird aus dem Zimmer gewiesen, wenn sie zu kläffen beginnt oder Juckreiz verursacht.“ Wenn Christoph Hein als Intendant nach juckender, vielleicht sogar beißender Kunst sucht, sollten wir nicht darauf gespannt sein?

0 Kommentare

Neuester Kommentar