Kultur : Juckreiz des Glücks

Die Performerin Nili Blumberg kratzt verborgene Gefühle frei – zurzeit auf der Straße in Prenzlauer Berg

Jan Oberländer

Bevor es losgeht, erklärt Nurse Clara die Regeln: Auf einer Schicht Stoff funktioniert es am besten, die Jacke bitte ausziehen. Nicht reden, einfach hinsetzen, mit dem Rücken zu ihr. Und dann fühlt man ihre Fingernägel. Am ganzen Rücken gleichzeitig: ein Kratzen, ein Kribbeln, ein schnelles, überraschend kräftiges Aufwecken der Nerven. Man schaudert. Manchmal kitzelt es. Es ist wirklich angenehm. Nurse Clara trägt eine grüne Schwesterntracht mit Haube und Schürze, eine altmodische Brille und roten Lippenstift. Mit der Männerfantasie von der scharfen Krankenschwester hat Clara nichts zu tun. Dafür ist nicht nur ihr Kostüm zu hochgeschlossen, dafür ist auch ihr Anliegen zu ernst.

„Ich leiste einen Dienst an der Allgemeinheit“, erklärt die Performancekünstlerin Nili Blumberg später im Café auf der Kastanienallee. Sie trägt ein lila T-Shirt, die Brille liegt zu Hause, der Lippenstift ist ab. Blumberg grinst. Das, was sie als Nurse Clara mit den Rücken ihrer Mitmenschen anstelle, sei eine „normale medizinische Prozedur“.

Kein Scherz. Sie habe tatsächlich eine Ausbildung in „praktischer Metaphysik“, erzählt Blumberg, sie sei „Heilerin“ gewesen, das war noch in Israel, wo sie 1972 geboren wurde. Das klingt esoterisch, aber Blumberg sagt es auf Englisch, da passt das schon. Außerdem hat sie nichts Weltfremdes an sich, sie ist höchstens ein bisschen exzentrisch. Schließlich arbeitete sie, wie sie sagt, auch schon als Versicherungsdetektivin. Und Jazzsängerin ist sie auch noch.

Sie wird leidenschaftlich, wenn sie über ihre Therapie-Performance spricht. „Es ändert die Art, wie du denkst, es hilft dir, dich zu öffnen, dich wieder selbst zu fühlen“. Ist es ein Unterschied, ob sie Frauen oder Männer kratze? „Jeder Rücken ist anders“, meint Blumberg, das allein zähle. Der ganze Seelenballast, den man wie einen Rucksack mit sich herumtrage, löse sich unter ihren Fingernägeln auf. Ein Patient habe ihr einmal gesagt: „Wenn meine Frau das bei mir gemacht hätte, wäre ich noch verheiratet.“

Im August 2005 saß Nili Blumberg das erste Mal als Nurse Clara im Fenster ihres „Back Scratching Shop“, den sie in einem Malmöer Musikgeschäft eingerichtet hatte. Sie trug ihre grüne Tracht, der Laden war grün ausgeleuchtet, eine Mischung aus Arztpraxis und Sperrbezirksschaufenster. Ironische Analogie: „Ich tue nichts Schmutziges.“ Im Gegenteil. Blumberg kann sich vorstellen, in Amsterdam ein „Grünlichtviertel“ einzurichten.

Aber erst mal sind die Berliner Buckel dran. Im Herbst will die Künstlerin hier einen festen Schubbershop aufmachen. Während sie nach der geeigneten Location sucht, arbeitet sie immer wieder open air auf der Kastanienallee. Seit sie 1998 nach Europa kam, ist sie ständig auf Tour, tingelt zwischen England, Schweden und Deutschland. Blumberg lebt von ihrer Kunst, aber sie macht sie nicht des Geldes wegen. „Geld hält einen klein.“ Darum entscheidet man nach einer drei- bis fünfminütigen Sitzung bei Nurse Clara auch selbst, was man bezahlen möchte.

Nili Blumberg geht es um mehr. Es würde sie freuen, sagt sie, wenn ihre Clara-Kalender, die sie über ihre Website www.nurseclara.com verkauft, nicht nur als Privatexponate in den Wohnungen hingen, sondern auch in Arztpraxen und auf Medizinerkongressen ihre Arbeit bekannt machten. Vielleicht würde es das geldgesättigte Gesundheitssystem verändern. Sie wehrt sich gegen den „fast religiösen Glauben“ an die herkömmliche Medizin, die massenweise teure Antidepressiva verschreibe und die wirklichen Bedürfnisse der Menschen ignoriere. Dabei steht Nurse Claras Gesundheitssystem auch für die Kunstwelt mit ihren Galerien und Museen. „Beides sind geschlossene Systeme“, sagt sie. „Eins, um dich zu heilen, das andere, um dich zu inspirieren. Und beide tun das genaue Gegenteil.“ Weil die Leute „hungrig nach Inspiration“ seien, hat sie die Straße zu ihrer Bühne gemacht. Die Frau in Grün übergeht alle Vermittlungsinstanzen und berührt ihr Publikum direkt. Zumindest am Rücken.

Im Unterschied zu etablierten Performancegruppen wie Rimini Protokoll und Gob Squad, die ebenfalls die Grenze zwischen Leben und Kunst verwischen, hat Blumberg keinen institutionellen Rückhalt. Die freie Arbeit auf der Straße sei der „ultimative Test“ für ihre Kunst. Das Feedback komme sofort, sowohl ideell als auch finanziell. Diese Unmittelbarkeit gehört zu ihrer Idee von „Live Art“. Dieser Idee folgt auch Blumbergs anderes Projekt für den Berliner Herbst. In der Rolle und der Wolle des Schafs „Luftanza“ (www.luftanzasurprise.org) will sie als tanzende weiße Projektionsfläche für produktive Irritationen sorgen. Etwa beim postfeministischen „Sheeptease“, bei dem sie sich bis auf den Bauchflaum entblättert.

Am liebsten würde Nili Blumberg auch deutschen Parlamentariern den Rücken kraulen. Den schwedischen Kulturminister hatte sie schon unter den Nägeln, jetzt würde sie gerne einen „Back Scratching Shop“ im Bundestag eröffnen. Stichwort private Vorsorge – „One session a day may keep the doctor away!“

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