Kultur : "Jude von Malta": Leichen pflastern seinen Weg

Doris Meierhenrich

Zynische Doppelgesichter, maßlose Machtmenschen sind die Figuren im Theater des Christopher Marlowe. Sie intrigieren, rauben und morden, ihre Moral heißt "Ich", nur ihr Zynismus überlebt, Gerechtigkeit bedeutet Tod. Marlowes vorshakespearesche Tragödien spielen im Niemandsland zwischen Klischee und Kritik. Es sind grausame Farcen, Karikaturen ihrer Gattung. Die Leichenberge wachsen, und am Ende siegt der mit der schnelleren Hand am Hebel des doppelten Bodens. Diese nihilistische Mechanik der Stücke aufzuzeigen, könnte heutige Pulp-Fiction-Lust daran sein.

An Barabas, dem "Juden von Malta" zum Beispiel, der inhaltlich nur schlechtes Klischee ist: ein Jude, den sich Antisemiten träumen. Weil er vom Fürsten enteignet wird, um Maltas Tribut an die Türken zu zahlen, läuft er zu Rachehochform auf. Er behauptet von sich, Brunnen zu vergiften und für Geld alles zu tun. Und er tötet seine Tochter und viele mehr. Dass Marlowe die Christen und Türken nicht viel subtiler darstellt, macht die Banalität dieser mittelalterlichen Wüterei nicht kleiner. Und doch glaubt Regisseur Joern Strohner darin dem heutigen Kapitalismus den Spiegel vorhalten zu können, weshalb er das Stück im Theater Fürst Oblomov inszeniert hat.

Barabas ist Berlusconi ist Bill Gates. Zumindest steht das im Programmheft. Auf der Bühne sieht man davon nichts. Turnschuhe und Jeans und ein Einkaufswagen als Sessel zeigen an, dass die Blutrache auch irgendwas mit Jetzt zu tun hat. Eigentlich aber ist da nur ein weißer Raum, in dem sich acht Schauspieler aufhalten und den Text eines gewissen Marlowe sprechen. Manche gehen über Leichen.

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