Kultur : Jüdische Gemeinde: Unrettbar in Deutschland verliebt

Rafael Seligmann

Markiert die Wahl Alexander Brenners zum Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde einen Umbruch? Die korrekte jüdische Antwort lautet : ja und nein. Der bisherige Gemeindechef Nachama hat sich die Niederlage selbst zuzuschreiben, nicht widrigen Umständen oder politischen Intrigen.

Die Nachkriegsgemeinde in unserer Stadt war ein Kind Heinz Galinskis: ein strenger Vater, der kaum Widerspruch duldete, ein treusorgendes Familienoberhaupt, allzeit für jedes Gemeindemitglied da. Seinem Patriarchat folgte das Interregnum von Jerz¿y Kanal. Dieser zeichnete sich durch Wärme und Milde aus. An Reformen dachte er nicht. Ihn bewegte soziales Engagement. Ohne politischen Ehrgeiz und ohne Entlohnung erledigte Kanal seine Arbeit und trat nach einigen Jahren zurück.

Die Wahl Andreas Nachamas 1997 schien eine neue Ära einzuläuten. Er brachte mit, was ein moderner Gemeindechef braucht: Bildung, Intelligenz, Ansehen. Der gelernte Historiker und Judaist hatte sich als Ausstellungsmacher der "Jüdischen Lebenswelten" und als Direktor der Topographie des Terrors einen Namen gemacht. Zudem profitierte der geborene Berliner vom Ansehen seines Vaters Estrongo, dessen bewegender Kantorengesang die Gebete der Berliner Juden ein halbes Jahrhundert begleitete. Nachama besaß alle Trümpfe, um ein tüchtiger Gemeindevorsitzender zu werden. Doch in kurzer Zeit verspielte er den Kredit. Weder verfügte er über Galinskis Autorität, noch besaß er Kanals Güte. Er lavierte zwischen den Fronten. Viele beschuldigten ihn, ein Intrigant zu sein. Da tut man ihm Unrecht. Nachama konnte nicht Nein sagen, war bald bei allen im Wort. Er liebt das Talmud-Studium, beendete während seiner Amtszeit die Rabbiner-Ausbildung; zugleich schätzte er das Licht der Öffentlichkeit, gab zu allem seinen Senf ab, oft unnötig provokant. Das entscheidende Manko war jedoch seine Unfähigkeit, auf die Menschen zuzugehen.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die Gemeinde mehr als verdoppelt, auf mehr als 12 000 Seelen. Juden aus Osteuropa, vielfach ohne Sprachkenntnisse und Ahnung vom Judentum, flohen vor Armut und Antisemitismus.Den Sorgen dieser Menschen zu lauschen, Zuversicht zu verbreiten - dazu war Nachama weitgehend unfähig. Autistisch wie Scharping, fühlte er sich am wohlsten in seiner Panzerlimousine. Da Nachama ein offenes Ohr für Schmeicheleien hatte und starkem Druck nicht widerstand, kam er unter den Einfluss des Establishments. Dies isolierte ihn noch mehr von den Zuwanderern. Bei der Wahl zur Repräsentantenversammlung im März erhielt er die meisten, doch zu wenige Stimmen.Bei der Vorstandswahl in dieser Woche votierten nur noch 8 der 21 Gemeindevertreter für ihn. Die Stimmen der russischen Zuwanderer hatten bei dieser Wahl entscheidendes Gewicht. Innerhalb eines Jahrzehntes hat sich die jüdische Gemeinde dieses Landes verdreifacht, auf mehr als 80 000 Menschen; auch die Gemeinden in Frankfurt, München, Düsseldorf haben sich mehr als verdoppelt. Doch in Frankfurt käme niemand auf die Idee, Salomon Korn abzuwählen. In München führt Charlotte Knobloch seit 15 Jahren die Geschäfte. Keine dieser Leitfiguren verlangt eine Aufwandsentschädigung.

Nun ist Alexander Brenner in der Verantwortung. Der 71-Jährige ist kein Jungspund und Himmelsstürmer. Doch hat der unglückliche Andreas Nachama als 49-Jähriger bewiesen, dass - relative - Jugend keine ausreichende Führungs-Qualifikation darstellt. Da ist sein 71-jähriger Nachfolger von härterer Machart. In Polen geboren, während des Holocausts in die Sowjetunion geflohen, musste "Sascha" Brenner um seine nackte Existenz ringen. "Als die Wehrmacht unseren Ort besetzte, gab es die Möglichkeit, nach Russland zu fliehen", erzählte mir Brenner vor Jahren. "Viele blieben. Und andere kamen sogar aus dem von der Roten Armee besetzten polnischen Gebieten in das Territorium, das von den Nazis gehalten wurde. Die Juden vertrauten den Deutschen. Sie glaubten, das ist ein Kulturvolk." Brenners Familie kämpfte in der Sowjetunion ums Überleben. In seiner polnischen Heimat wurden noch 1946 Juden ermordet. Damals kam Alexander Brenner nach Berlin, das war ein Vertrauensvorschuss. Sind die Juden unrettbar in Deutschland verliebt? Die kalte Mutter Deutschland zieht sie seit Jahrhunderten magisch an. Die Kultur? Die Gesellschaft? Die Sprache: Jiddisch ist die deutsch-jüdische Symbiose schlechthin. Mittelhochdeutscher Wortschatz, hebräische Lettern und Einsprengsel, zusammengehalten von germanischer Grammatik. Sascha Brenner spricht ein hervorragendes Jiddisch, mit Herz und Geschmack. Sein anderes Erfolgsrezept liegt in seiner Biografie, diesem Cocktail aus deutscher Ordnung und deutsch-jüdischem Wahnsinn-Meschuggas.

Seine naturwissenschaftliche Begabung ließ Brenner Physik und Chemie studieren; er engagierte sich in jüdischen Studentenverbänden. Als ein Zuhörer, der den Schmerz kennt, besaß er die Arznei für seine Gesprächspartner: den unverwüstlichen jüdischen Humor. Kein Kishon-Gelabere, keine Klezmer-Zuckerwatte, sondern die ganze Skala von Mitleid, Ironie, Selbstverarschung bis zum beißenden Zynismus. Etwa: Hitlers Truppen siegen und siegen. 1960 verkündet der greise "Führer" im Sportpalast: "Tokio will heim ins Reich." Die beiden letzten Juden Berlins packt die Angst. Da hellt sich Yitzigs Miene auf: "Das wird dem Kerl endgültig das Genick brechen."

Brenner wurde Mitarbeiter des Bundesforschungsministeriums, Diplomat in Moskau, Ministeriumsbeauftragter in Berlin und beendete als Forschungsattaché in Israel seine Berufslaufbahn. In Zion brachte ihn die latente Einseitigkeit, der hinter vermeintlicher Neutralität versteckte Antisemitismus vieler Nahostexperten in Weißglut: wenn die Untaten der Väter von den Söhnen auf die Israelis projiziert und die Palästinenser als jüdische Opfer umschmeichelt werden.

Zurück in Berlin engagierte sich der Pensionär Sascha in der jüdischen Gemeinde. Er hat Herz, vor allem für die entwurzelten Russen, deren Sprache er spricht, deren Nöte er kennt - seit Hitler und Stalin; schlimmer kann es nicht kommen, es kann nur besser werden. Er ist mit Takt, Diplomatie und Schärfe der rechte Mann zur rechten Zeit.

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