Kultur : Jüdische Kulturtage Berlin: Shalom-Chachacha

Ulrich Amling

Überbordend, in oft stockenden Einzelnummern und sehr, sehr lang - so kennt man die Abschlusskonzerte der Jüdischen Kulturtage. Wer diesmal in weiser Voraussicht mit dem Sitzkissen ins Haus der Kulturen eilte, wurde überrascht. Der Abend floss, auch wenn man einen Gastgeber schmerzlich vermisste, der mehr hätte sagen können als "Der nächste Teilnehmer ist ..." - ging es doch um mehr als einen folkloristischen Sängerstreit. Italien aber, dessen jüdische Gemeinde sich stets als Mittler zwischen ostjüdischer und sephardischer Kultur verstanden hat, schenkte den Jüdischen Kulturtagen Farben, Gerüche und eine traumwandlerische Dramaturgie. So steuerte Evelina Meghnagi mit weit tragender Stimme vom Jemen über das maurische Spanien bis hin zu italienischen Volksliedern: exqiusite Erkundungen in minimalistischer Instrumentierung, die mit klingenden Saiten und Schlagwerk in fremde Welten entführten. Und in Zeiten, als ein kulturell anregendes Zusammenleben von Juden, Christen und Moslems möglich war. Eine Mahnung daran, dass im heiligen Land heute noch immer Krieg herrscht. David Broza, der israelische Troubadour mit der sanften Stimme und einer entfesselten Gitarre im Arm, sang beschwörend: "We shall live together under the olive trees." Seit 1970 tritt er mit diesem Lied auf - und hofft. Das Publikum hängt an Brozas Lippen, es hofft mit ihm und singt ein Liebeslied auf hebräisch. Viele versuchten, den Klang der für sie fremden Sprache nachzuformen. Momente zarter Solidarität.

Natürlich fehlte es auch nicht an Theaterdonner. Mark Aizikowitsch holte jedes Lied auf die Opernbühne, schmachtete herrlich bei rusischen Tangos und warf glückselig sein "Ciao, ciao bambina" in die Runde. Unter dichten Nebelschwaden war er es, der an Estrongo Nachama erinnerte, dessen Stimme zum ersten Mal auf dem Abschlusskonzert fehlte. "Shalom" rief Aizikowitsch beim Finale - und hängte flink noch ein keckes "Chachacha" mit an.

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