Jüdische Kulturtage : Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre

Jasmin Tabatabai stellt ihr Jazz-Album „Eine Frau“ bei den 25. Jüdischen Kulturtagen Berlin vor

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Ausgerockt. Jasmin Tabatabai entdeckt die Melancholie. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Ausgerockt. Jasmin Tabatabai entdeckt die Melancholie. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Reinhard Mey covern? Niemals! Darauf wäre die alte Jasmin Tabatabai nicht mal im Traum gekommen. Aus Vorurteil und weil sie kaum was von ihm kenne, sagt die neue und setzt nach, er sei total unterschätzt, ein wahrer Poet. „Sein Song ‚Herbstgewitter über Dächern’ rührt mich zu Tränen.“ Die weint sie auf ihrem neuen Album „Eine Frau“ aber nicht laut, sondern macht einen zauberzarten, hingehauchten Bossa nova aus dem Liebeslied. Eine von elf Nummern, die der Schweizer Jazzmusiker, Produzent und Arrangeur David Klein Tabatabai auf den Leib geschrieben oder für sie ausgesucht hat.

Die beiden stellen das Album samt Band Donnerstag in einer Woche in der Synagoge Rykestraße bei den Jüdischen Kulturtagen vor. Warum ausgerechnet da? „Warum nicht?“, raunzt Tabatabai zurück. Okay, Okay, verstanden – ihren Auftritt bei der am Donnerstag beginnenden 25. Ausgabe des von der Jüdischen Gemeinde veranstalteten Festivals will sie als stinknormales Konzert und nicht als Statement verstanden wissen.

Zur Eröffnung singt heute erst mal ihre Schauspielkollegin Dagmar Manzel Lieder des jüdischen Komponisten Werner Richard Heymann in der Rykestraße. Ein paar Tage später trifft im Astra Kulturhaus HipHop auf Hebräisch (HaDag Nachash) auf deutschen HipHop (Ohrbooten). Und Klarinettist Giora Feidman feiert sein 65. Bühnenjubiläum bei den Kulturtagen, die im Jubiläumsjahr Konzerte, Lesungen und Vorträge unter dem lockeren Stichwort „Begegnungen“ vereinen.

Die von Jasmin Tabatabai und David Klein, der vor ein paar Jahren schon seine Vertonungen der Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger hier vorgestellt hat, liegt schon ein bisschen zurück. 2000 war der Erstkontakt, da haben sie sich beim Dreh der Tucholsky-Verfilmung „Gripsholm“ kennengelernt.

Tabatabai spielte eine Nachtclubdiva im Berlin der Zwanziger, David Klein arbeitete am Soundtrack mit. Da war die Schauspielerin aber noch Rocksängerin. Seither liege er ihr mit der Idee eines deutsch gesungenen Jazzalbums in den Ohren, erzählt sie in einer Hotellobby in Mitte. Bis vor kurzem vergeblich. Jasmin Tabatabai gründete zwar schon 1993 eine Band, spielte 1997 im Musikfilm „Bandits“ mit, gründete ein Plattenlabel und brachte zwei Soloalben raus, aber ihr Stil war Rock, Country, Indiepop und ihre Gesangssprache Englisch. „Musik muss zur Lebenssituation und zur Zeit passen.“ Erst jetzt, als ruhiger gewordene 44 Jahre alte Mutter zweier Kinder, sei der Jazz ihre natürliche Weiterentwicklung.

Wie geht denn das? Ist schon eine ziemliche Überraschung, wenn eine Künstlerin, die in Film und Musik ein herbes Rebellenimage pflegt, einen zwar eleganten, aber schon ein bisschen unter Säuselverdacht stehenden Loungejazz, der noch dazu perfekt im Retrosound der Sechziger arrangiert ist, als Weiterentwicklung bezeichnet. „Für mich ist das völlig neu“, beharrt sie, „schließlich bin ich wie alle in meinem Alter mit Rock aufgewachsen.“

Und jetzt klingt sie wie eine jazzige Ausgabe der „Moon River“ singenden Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“. Ein Stich Marianne Rosenberg ist in den hart am Schlager vorbeischrammenden Nummern „Brautkleid“ und „Nimm ihn dir“ auch dabei. Gedichtet hat diese putzige Frauenlyrik über falsche oder abgelegte Männer die bekannte Schlagertexterin Edith Jeske. Einige Lieder habe sie abgelehnt, weil sie zu leichtgewichtig waren, sagt Tabatabai. „Ich wollte ein erwachsenes Konzeptalbum haben. Nicht das eines Girls, sondern das einer Frau.“

Dazu gehören auch Interpretationen einiger von den Nazis verfemter Texter und Komponisten der Zwanziger wie Kurt Tucholsky, Oscar Straus und Friedrich Hollaender. Dessen Chanson „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, das einst so traurig Marlene Dietrich sang, hat es Jasmin Tabatabai besonders angetan. „Ich liebe melancholische Musik, da bin ich einfach Iranerin.“ Lieder hören und rauchend in der Ecke sitzen und dazu weinen, sei dort üblich. Angst vor dem Vergleich mit ihrer Vorgängerin hat sie nicht. Sie sei eine geübte Coversängerin und messe sich nie am Original.

Dass David Klein Jude ist und die Deutsch-Iranerin in Teheran als Muslima aufwuchs, spielt für Jasmin Tabatabai übrigens keine Rolle. „Wir verarschen uns damit nur.“ Ein religiöser Mensch sei sie eh nicht. „Und diese ganze neue Glaubenskrieg-Diskussion finde ich befremdlich.“ Auch politisch sei sie nicht, sagt die Frau, deren liberale Eltern den Iran verließen, als die Mullahs die Macht ergriffen, und die regelmäßig in kritischen Filmen wie „Fremde Haut“ und „Persepolis“ mitwirkt. „Ich habe nur manchmal eine Meinung.“

Bezogen auf ihr neues Album, für das sie sich nicht in Lederjacke, sondern mit bravem Pagenkopf und Perlenschnüren in der Hand weichgezeichnet ablichten ließ, lautet die, dass eine starke Frau auch weich und sinnlich sein kann. Und auch, dass ernsthafte Chansontexte der deutschen Sprache gut zu Gesicht stehen. „So wie sie Alexandra in den Sechzigern gesungen hat, die ich sehr verehre. Und so wie sie Reinhard Mey schreibt.“

Auf ihrer Clubtour, die nach dem Auftritt bei den Jüdischen Kulturtagen und der Album-Veröffentlichung tags darauf folgt, steht die neue, erwachsene, frauliche Jasmin Tabatabai vor völlig neuen Aufgaben. „Die Clubs sind bestuhlt“, sagt sie und fragt sich laut, wer da wohl so zukünftig zuhören kommt. Bei der alten Tabatabai gab’s keine Sitze, sondern Bier und Stage Diving. Das macht sie jetzt als Jazzerin nicht mehr.

Konzert Jasmin Tabatabai:

Synagoge Rykestraße, Do 15.9., 20 Uhr;

Jüdische Kulturtage: 8.-18. September,

Infos: www.juedische-kulturtage.org;

Eröffnungskonzert Dagmar Manzel:

Synagoge Rykestraße, Do 8.9., 20 Uhr.

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