Kultur : Jüdische Museen: Hauptsache: therapeutisch

Robin Ostow

Countdown in Berlin: Das Jüdische Museum der Hauptstadt wird nach Jahrzehnten der Planung und Infragestellung am 9. September feierlich eröffet. Sabine Offes Buch "Ausstellungen, Einstellungen, Entstellungen" liefert die Hintergrundreflexion: eine innovative, verstörende Studie jüdischer Nachkriegsmuseen in Deutschland und Österreich. Offen nähert sich den Gebäuden und ihren Inhalten über die Fantasien jener nichtjüdischen Deutschen und Österreicher, die diese Institute errichten, die sie verwalten und jener, die sie besuchen. Einrichtungen, behauptet sie, die wenig über jüdisches Leben, mehr über psychlogische Beschädigungen der Nichtjuden offenbaren. An den Objekten ihrer Untersuchung stellt die Autorin eine Umkehrung klassischer Museumskategorien fest: Wo das traditionelle Museum von einer Sammlung ausging und dann erst dafür sein Gebäude fand oder baute, nehmen die Museen in Offes Studie oft ihren Anfang mit der "Entdeckung" einer jüdischen Topographie (oft einer früheren Synagoge); dann erst werden Ausstellungen entwickelt, um diese Häuser zu füllen.

Europas jüdische Vorkriegsmuseen waren von Jüdischen Gemeinden gegründet worden, um die eigenen Errungenschaften bekannt zu machen. Deutschlands jüdische Nachkriegsmuseen wurden und werden von Nichtjuden geschaffen, um an die Vernichtung der lokalen jüdischen Bevölkerung zu erinnern. Imperialistische Museen tendieren dazu, kulturelle Gegenstände kolonisierter Eingeborener zu zeigen, ohne allzu sehr über den gewaltsamen Akt zu informieren, durch den diese Objekte ihren ursprünglichen Besitzern gewaltsam entrissen wurden. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich jüdische Museen der Nachkriegszeit auf die Zerstörung der jüdischen Kultur, oft aber fehlen ihnen ausstellbare Sammlungsstücke. Ritualgegenstände, Kunsthandwerk und Objekte des Alltags-Gebrauchs, welche die Emigration oder Deportation ihrer Besitzer überlebten, müssen nun auf der ganzen Welt aufgespürt werden. Jüdische Museen der Nachkriegszeit repräsentieren - anders als Heimatmuseen der deutschen Städte - die "unheimliche" Qualität des Lebens im Deutschland von heute (James Young): die Unfähigkeit der Deutschen, sich "daheim" zu fühlen.

Da Offe jene Mittel untersucht, mit welchen Jüdische Museen das Unbehagen, die Wünsche und Fantasien der Bevölkerung ringsherum aufscheinen lassen, analysiert sie schwerpunktmäßig Texte, die Nichtjuden geschrieben haben. Drei Texte untersucht sie in voller Länge: einen Artikel Reiner Güntzers, seinerzeit Generaldirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin, der im Tagesspiegel sein "integratives" Konzept eines Berliner Jüdischen Museums verteidigte; die Lebensgeschichte eines deutschen Weltkriegsveteranen, der mit seiner Erzählung die Autorin davon abhalten will, das Jüdische Museum seiner Stadt zu betreten; und die Kurzgeschichte einer österreichischen Autorin.

Sehnsucht nach der Vorkriegs-Unschuld

Auf der Basis ihrer Dekonstruktion dieser Texte und einer selbstkritischen Analyse eigener emotionaler Reaktionen umreißt Offe jene Wünsche, die (nichtjüdische) Deutsche und Österreicher zur Gründung Jüdischer Museen motivieren. Das Bedürfnis der Identifikation mit den Juden und die Fantasie, Überbleibsel jüdischer Kultur zu retten, erscheinen als ein verschleierter Ersatz für die Rettung der Juden selbst: So wird die Rolle des Täters oder passsiven Zuschauers mit der Rolle des Retters getauscht, um dem Gefühl der Schuld oder der Hilflosigkeit zu entrinnen. Eingebettet sind solche Sehnsüchte in die die größere nostalgische Fantasie von einer Restauration der relativ unschuldigen Vorkriegs-Beziehungen zwischen Deutschen / Österreichern und Juden.

Jenseits solcher Wunschvorstellungen sieht Offe die Schaffung Jüdischer Museen als einen Schritt zur Überwindung des ersten Nachkriegsschweigens zur Zerstörung des europäischen Judentums. Auch Deutschlands Jüdische Gemeinden verhielten sich damals erst einmal distanziert zur Idee eines Jüdischen Museums. Vielerorts gab es keine Gemeinde mehr; von den Juden, die sich wieder in Deutschland ansiedelten, stammten wenige aus dem deutschen Vorkriegs-Judentum, mit dem sie sich folglich nicht identifizierten.

Kampfplatz der Kollektiv-Gedächtnisse

Beträchtlichen Raum widmet Offe der Genesis des Jüdischen Museums Berlin; sie beleuchtet Reiner Güntzers "integratives" Museumskonzept, das schließlich abgelehnt wurde, und die Architektur des Libeskind-Baus. Sie erwähnt, dass sich der Kurs im Laufe der Entstehungsgeschichte 1997 dramatisch änderte, als Berlins Jüdische Gemeinde gegen die Entlassung des israelischen Museumsdirektors protestierte und auf der Führungsebene Mitsprache einforderte. Hier habe die Gemeinde ihre Rolle als Museums-Objekt aufgegeben, sie sei zum aktiven Mitspieler geworden. Doch schweigt die Autorin zur Entwicklung seit dem Antritt des jetzigen Direktors, Michael Blumenthal, der im Vorkriegsdeutschland aufwuchs. Später arbeitete er in den USA als Vorstandsvorsitzender der Bendix Corporation und als Finanzminister der Carter-Regierung. Blumenthals Ankunft auf der Szene weckte Ängste vor der Globalisierung oder Amerikanisierung des größten Jüdischen Museums im Lande. Unter seiner Leitung entschied man sich, den Holocaust nunmehr aus jüdischer Perspektive zu zeigen: ein Abschied von der zuvor in Deutschland praktizierten jüdischen Museologie; Thomas Lackmanns Buch "Jewrassic Park. Wie baut man (k)ein Jüdisches Museum in Berlin" hat diese Streitfragen benannt.

Offes interessantester Beitrag zur Literatur über Jüdische Museen und das kollektive deutsche Gedächtnis antwortet auf neuere Analysen. Diese bezeichnen Deutschlands Erinnerungskultur als ein "Theater", das Politiker zum Zweck der nationalen Mythenbildung konstruieren. Daran seien Juden durchaus beteiligt, obwohl sie Rollen übernehmen, die ihre aktuelle Situation kaum reflektieren (schreibt wiederum Micha Bodemann in seinem Buch "Gedächtnistheater"). Auch Offe behandelt bizarre Verdrehungen des jüdischen Lebens, die sie in Jüdischen Museen entdeckt, sieht darin jedoch eher Symptome als Manipulationen. Die Museen sollen ihrer Ansicht nach als Teil der Erinnerungskultur verstanden werden: nicht als Theater, wo Fakten und Fiktion zu unterscheiden sind, sondern als "zivilisierende Rituale". Die neue Anthropologie beschreibe Rituale als Strukturen, die eine bewusste Spannung bewahren zwischen dem, was ist, und dem, was sein müsste. Als zivilisierende Rituale erlauben die verzerrten Erzählungen Jüdischer Museen nichtjüdischen Deutschen und Österreichern, ihre eigene Anerkennung moralischer Normen und den Wunsch nach einer Rückkehr in die Gemeinschaft zivilisierter Völker unter Beweis zu stellen.

Lackmanns "Jewrassic Park" befragt die verquälte Entstehungs-Story des Jüdischen Museums Berlin nach der Chance eines "happy ends", Offe erwähnt eine Glücksoption gar nicht erst: Sie argumentiert auf der psychoanalytischen Ebene des Traumas, das Deutschen und Österreichern mit ihrer Geschichte aufgebürdet sei. Jüdische Museen interpretiert sie als kollektive Initiativen, durch welche Individuen und Gruppen ihren Wunsch nach Rettung jüdischer Kultur und Identifizierung mit derselben ausstellen, um das Trauma so zu überwinden. Dabei scheint die Autorin selbst ihren Landsleuten einen Heilungsprozess vorzuschlagen: als Rettung, nicht zuletzt vor jüdischen Attacken auf die deutsche Integrität. So wertet sie in Jüdischen Museen vorgefundene historische Fehler nicht als zynische Manipulation, sondern als Symptome des Traumas und Fantasien im Rahmen des Heilungsprozesses. Ein solcher Ansatz freilich unterstellt, dass man in einem öffentlichen Museum alles zeigen darf, egal wie ungenau, irreführend oder beleidigend es sei: Hauptsache, die Absicht war therapeutisch.

Zumindest jene Gemeinden, die seit einiger Zeit bei der Errichtung Jüdischer Museen eine aktive politische Rolle anstreben, dürften das anders sehen. Die heftige Debatte um das Mandat für Berlins Jüdisches Museum und der jüngste Streit um das Direktorat und die Konzeption für das Jüdische Museum Franken legen nahe, in Jüdischen Museen und ihren Erzählungen die Schauplätze eines zunehmend erhitzten Kampfes zu erkennen: zwischen dem deutschen und dem jüdischem Kollektivgedächtnis.

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