Kultur : Jüdische Museen in Deutschland: Die vorgetäuschte Rückkehr

Richard Chaim Schneider

In diesen Tagen hat der Münchner Stadtrat endgültig entschieden, ein Jüdisches Museum zu bauen: im Herzen der Landeshauptstadt, am St. Jakobsplatz, neben dem neuen Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde, das ebenfalls erst gebaut werden muß. Seit mehreren Jahren ist die Diskussion um die "jüdische Zukunft" des Jakobsplatzes in Gange, das Bestreben der Stadt, die Juden "wieder sichtbar in das Herz der Stadt" zu holen, ein anerkennenswerter Gedanke, der jedoch im Spannungsfeld der deutsch-jüdischen Beziehungen von verbalen und konzeptionellen Entgleisungen begleitet war. In einer ersten Überlegung sollte das Jüdische Museum eine Einheit mit dem Gemeindezentrum bilden. Diese Idee war so abwegig, dass böse Zungen bereits davon sprachen, dass man im Museum "tote Juden schauen geht", um dann daneben die "lebendigen Juden zu beobachten". Schnell wurde diese Idee über Bord geworfen, das Museum soll nun architektonisch mit dem Gemeindezentrum in einem Zusammenhang bleiben, aber eigenständig stehen. Trotzdem: Die ursprüngliche Absicht ist typisch für die Problematik Jüdischer Museen in der gesamten Republik. Denn was soll ein Jüdisches Museum denn eigentlich sein?

Ein Kampf um die eigene Unsichtbarkeit

Tatsache ist, dass Jüdische Museen in Deutschland wenig mit Juden, aber viel mit der Mehrheitsgesellschaft, ihren Vergangenheitsbewältigungsritualen, ihren dumpfen, zum Teil unbewussten Schuldgefühlen, häufig auch mit Vorurteilen zu tun haben. Die Leere, die die vernichteten jüdischen Gemeinden in Städten und Dörfern hinterlassen haben, wurde erst richtig Mitte der 80er Jahre wahrgenommen, als die jüdische Gemeinde in Frankfurt die Uraufführung des antisemitischen Theaterstückes "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Fassbinder durch eine Bühnenbesetzung verhinderte. Juden standen buchstäblich im Rampenlicht der Republik und bezogen als Gemeinschaft erstmals in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands öffentlich Position. Im Grunde kämpften sie auf der Kammerspiel-Bühne um ihre Unsichtbarkeit: Sie wollten in Ruhe gelassen werden, in Deutschland ohne große Probleme leben. Doch mit der Bühnenbesetzung war ihre restaurative Ruhe vorbei. Durch ihre Präsenz, die schlagartig ins deutsche Bewusstsein eindrang, wurde das Fehlen derer, die nicht mehr da waren, offensichtlicher, die kulturellen, die geistigen, vor allem geographischen "Leerstellen" in den Städten wurden mit einem Mal präsent.

Es ist kein Zufall, dass gerade in den 80er Jahren zum ersten Mal Jüdische Museen entstanden, wie wir sie heute kennen. Diese mussten quasi die fehlenden Orte des jüdischen Lebens von einst ersetzen. Indem man Museen baute, kehrten die Opfer vermeintlich in ihre Heimat zurück. Mit dieser Vorstellung jedoch rückten Jüdische Museen, egal mit welcher Thematik sich ihre Ausstellungen auseinandersetzten, den Holocaust in das Zentrum der Wahrnehmung zumeist nichtjüdischer Besucher. Jüdische Museen errichten für ihr Publikum ein scheinbares jüdisches Zentrum, simulieren jüdische Lebendigkeit. Diese simulative "Rückkehr der toten Juden" bewirkt, dass die Schuldfrage, die Scham, das schlechte Gewissen nicht nur als diffuses Gebilde in Hinterköpfen der Besucher vorhanden ist, sondern sich brutal zwischen Besucher und Ausstellungsgegenstand schiebt. Dadurch, dass die meisten jüdische Museen in Deutschland von Nichtjuden geleitet und konzipiert werden, werden sie zu Orten eines kollektiven Gedächtnisses, das sich gleichzeitig zu entschulden sucht, indem die Erinnerungsarbeit zur erleichternden Identifizierung mit den Opfern führt, also ein "Ausscheren" aus der Generationenfolge des "Tätervolkes" vorgaukelt.

Ein weiteres kommt hinzu: Durch den Bruch in der Geschichte der jüdischen Gemeinden hat die Erinnerungsarbeit der Museen zumeist nichts mit der Geschichte der Nachkriegsgemeinden zu tun. Nichts mit Geschichte und Identität der ostjüdischen Displaced Persons, die in großer Mehrzahl das Bild der Gemeinden nach 1945 prägten, nichts mit den sowjetischen Juden, die inzwischen seit 1989 in das wiedervereinte Land strömen, auch nichts mit der kleinen, nicht unbedeutenden Gruppe kommunistischer deutscher Juden, die nach 1945 in die DDR gegangen waren. Insofern blenden Jüdische Museen in Deutschland die "lebendigen" Juden aus. Anders als in den USA, in denen Jüdische Museen für Juden identitätsstiftende Wirkung haben: Das ist in Deutschland undenkbar. In einem Amerika der cultural minorities ist die Frage nach der eigenen Identität rahmensprengend, die Problematik allen ethnischen Gruppen gemein und bekannt - somit wird ein ethnisches Museum zugleich zu einer Auseinandersetzung mit der Frage nach der amerikanischen Identität. Außerdem reflektieren jüdische Museen in der Neuen Welt stets die aktuelle politische, religiöse, kulturelle, intellektuelle Auseinandersetzung der jüdischen Gemeinschaft. Selbst Holocaust-Museen erfüllen diese Aufgabe und sind aus einer innerjüdischen Fragestellung entstanden (im übrigen sind es in den USA Juden, die Jüdische Museen organisieren).

Ein nicht unwesentlicher Aspekt kommt in Deutschland hinzu: das Geld. Länder und Kommunen errichten die Jüdische Museen und andere Orte der Erinnerung, nicht die jüdischen Gemeinden. Oft wird von deutschen Politikern und Beamten eine Querverbindung zwischen "Schuld" und "Schulden" hergestellt, wie die Kunsthistorikerin Sabine Offe dies bereits nachgewiesen hat: Je teurer jüdische Einrichtungen, desto weniger dürfen lebendige Juden Ansprüche stellen, die ihr eigenes Leben als jüdische Gemeinschaft betreffen. Der absurde Hinweis auf die geleisteten Ausgaben für die - in Wahrheit: deutschen - Erinnerungsstätten und Museen soll diese Juden zum Verstummen bringen.

Diese Gemengelage führte in der jüngsten Geschichte Jüdischer Museen zu eigenwilligsten Kapriolen. So werden vor allem in Kleinstädten und Dörfern ehemalige Synagogen für viel Geld restauriert, als "Museum" eingerichtet und dienen dann als "Begegnungsstätte" - allerdings gibt es keine Juden mehr vor Ort, die Deutschen müssen sich allein begegnen. Seit einem Jahr gibt es ein Jüdisches Museum in Berlin - ohne Ausstellung. Eine Absurdität, die bei keinem anderem Museum je von Verwaltung und Öffentlichkeit akzeptiert worden wäre.

Karstadt auf dem Synagogenplatz

Und nun also beschließt München, ein jüdisches Museum zu bauen. Allerdings soll zugleich der leere Platz der ehemaligen Hauptsynagoge, die von den Nazis bereits im Juni 1938 abgerissen wurde, an Karstadt verkauft werden, damit der Konzern ein sechsstöckiges Warenhaus darauf errichten kann! Aus dem Erlös des Verkaufs soll der Bau des neuen Gemeindezentrums finanziert werden. Jüdische Museen in Deutschland sind keine Orte jüdischer Geschichte, jüdischen Lebens, jüdischen Glaubens und Kultur, sondern Spiegelbilder der deutschen Gesellschaft. Als solche haben sie ihren Stellenwert. Man sollte viel mehr davon bauen.

Richard Chaim Schneider lebt in München und Jerusalem; er ist Autor von Fernsehfilmen und Büchern. Seine vierteilige ARD-Dokumentation "Wir sind da! Juden in Deutschland nach 1945" wird derzeit auf 3SAT wiederholt.

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