Kultur : Jüdischen Museum Berlin: Das Konzept steht - Jetzt wird umgebaut und eingerichtet

Thomas Lackmann

Melvyn J. Lasky - Soziologe, Zeitzeuge der Aufbau-Jahre, Wahlberliner - bekritzelt gummikauend das Museumslogo auf der Pressemappe. Die Pressekonferenz Nr. 1 findet statt in dem barocken Kollegienhaus, das vom Stadtmuseum dem Jüdischen Museum zugeschlagen wurde; durch die Fenster ist das gewagte Design der Wände des Neubaus gegenüber zu erkennen. Er sei der einzige Nicht-Libeskind-Fan in Berlin, bemerkt Lasky grimmig: Der Bau erinnere ihn an 20er-Jahre-Expressionismus - als ob jeden Moment Dr. Caligaris Monster ums Eck biege. Museumsdirektor W. Michael Blumenthal dagegen rühmt diesen außergewöhnlichen Bau, für den man eine "außergewöhnliche Ausstellung" vorbereite. Doch werde an "typischen" Stellen auch künftig Architektur für sich selbst stehen: das seien dann quasi "Daniel-Libeskind-Momente".

Blumenthal spricht von der Zukunft des Museums, das "nicht nur ein Museum für Intellektuelle" werden solle, sondern "für die breite Masse von Bürgern, auch für Kinder". Die Pressekonferenz soll Zweifel zerstreuen: Das Konzept der Eröffnungsausstellung steht fest, ist jetzt vom Stiftungsrat abgesegnet worden, ebenso der Termin, die zweite Septemberwoche 2001. Sobald die Bauarbeiten - Klimaanlage, multimediale Verkabelung, Korrekturen im Altbau-Eingangsbereich - zum Frühjahr abgeschlossen seien, richte man die Dauerausstellung deutsch-jüdischer Geschichte von den Römern bis zur Gegenwart ein. Der chronologische Ablauf werden von Themen-Inseln unterbrochen (zum Beispiel "Landjuden" oder "Sabbath"). Man werde Original-Objekte benutzen, doch wo solche nicht zu haben seien, mit Hilfe von Filmen, Videos, interaktiven Installationen Ersatz schaffen. Das Untergeschoß widme man, losgelöst von der Chronologie in den oberen Stockwerken, angesichts der "Holocaust-Achse" und der "Achse des Exils" dem Gedenken der Shoah. Für Wechselausstellungen sei der Altbau gedacht. Das gesamte Haus müsse zum Wiederkommen einladen, benutzerfreundlich, aber historisch fundiert: 20 Historiker gehören zum 80 Mitarbeiter zählenden Team. Klingende Namen des wissenschaftlichen Beirats, darunter Dan Diner, Saul Friedländer, Monika Richartz, Reinhard Rürup, Fritz Stern, werden vernehmlich genannt.

Geschickt schließt der Museumschef die anderen Personalia des Tages an. Als er 1997 gekommen sei, "stand nichts fest, man hat sich nur gestritten, man wusste nicht, ob der Bau zum Stadtmuseum gehört". Für die eindeutige Konzeption des deutsch-jüdischen Geschichtsmuseums seien zwei Männer wichtig gewesen: Der am 1. Januar 2000 verstorbene Shake Weinberg und Vizedirektor Tom Freudenheim, der die Institution nach Ablauf seines Vertrages "aus persönlichen Gründen" verlasse, ihr aber beratend verbunden bleibe. Nun folge die andere Phase der "Fabrikation" und "Installation"; dafür habe man sich den "brillantesten Experten seiner Generation" vom neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa geholt. Der brauche kein Experte in jüdischer Geschichte sein, sondern müsse wissen, wie man ein Museum eröffnet. Projektdirektor Kenneth C. Gorbey, studierter Archäologe und Anthropologe, trägt an diesem warmen Tag als einziger im Raum black suit. In Te Papa, wo man in den ersten 18 Minaten vier Millionen Besucher zählte, sei er für das "Besuchererlebnis" verantwortlich gewesen. In Berlin freilich gelte es, andere Lösungen zu suchen. Er wolle, herausgefordert durch die enge Zeitspanne, seine Management-Erfahrung einbringen, Wissenschaftler und Designer koordnieren, "damit das Jüdische Museum ein Ort wird, an den man sich erinnert"; ein freundliches Museum, "trotz der vielen Geschichten, die belastend sind". Zielgruppe: alle Deutschen, viele Touristen.

Den artigen Journalistenfragen antwortet W. Michael Blumenthal souverän. Geld? 18 Millionen Mark aus Landes-, Bundes-, Lotto-Mitteln und Spenden verbrauche man in diesem Jahr. Ja, ab 1. Januar wolle man Bundesinstitut werden; mit Berlin, seinen Museen und Gedenkstätten werde man selbstredend kooperieren; "exzellent" sei das Verhältnis zum Stadtmuseums-Generaldirektor Güntzer, "wir helfen uns, wo wir können". Nein, die Designer-Firma zur Einrichtung möchte er nicht nennen, bis Ende Juni werde der Vertrag geschlossen. Noch sind es 65 Wochen: bis zur Eröffnung des Hauses, dessen opening-Termin seit 1988 fünf Mal verschoben wurde. Das leere Gebäude erwartet den 200 000sten Besucher im Juni, dann werden die Führungen wegen Bauarbeiten eingeschränkt, eingestellt. "Die Leute strömen in ein leeres Museum," knurrt Melvin Lasky mit mahlenden Kiefern. "Sie hassen volle Museen. Was soll man da aufhängen? Man sollte es so lassen." Jetzt hat er im Museumslogo - dem Grundriß des Libeskindbaus - die voids, die Leerräume der Abwesenheit, gänzlich vollgekritzelt. Nun beginnt Pressekonferenz Nr. 2 : W. Michael Blumenthal erhält, wie einst sein Urgroßvater, von seiner Geburtsstadt Oranienburg als Zeichen wachsender märkischer Toleranz die Ehrenbürgerschaft.

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