Jüdisches Leben : Münchens Mitte erhält Synagoge zurück

Ins Herz der früheren "Hauptstadt der Bewegung" kehrt wieder jüdisches Leben ein: Am Donnerstag wird dort eine für 70 Millionen Euro errichtete Synagoge sowie ein Gemeindezentrum eröffnet.

München - In das Herz Münchens kehrt jüdisches Leben zurück: Mehr als 68 Jahre nachdem die Nazis auf Wunsch Adolf Hitlers die alte Synagoge abreißen ließen, eröffnet am Donnerstag nur wenige Meter vom Viktualienmarkt entfernt die neue Hauptsynagoge. "Ohel Jakob", Zelt Jakobs, heißt genau wie der Vorgängerbau auch das neue geistliche Zentrum der Münchner israelitischen Kultusgemeinde. Deren Präsidentin ist Charlotte Knobloch, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden. Mit der Eröffnung zusammen mit 800 Ehrengästen - darunter Bundespräsident Horst Köhler und Israels Botschafter Schimon Stein - wird auch das Lebenswerk Knoblochs gekrönt: Sie hatte über 20 Jahre für das Projekt gekämpft.

Knobloch und die jüdische Gemeinde in München haben sich für den 9. November, den Jahrestag der Progrome von 1938, als Datum der Eröffnung entschieden. Dieser Tag solle künftig "für die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" stehen, sagt Knobloch. Die jüdische Gemeinde wolle ein neues Kapitel für das künftige Miteinander mit den Deutschen aufschlagen. Symbolkraft für einen neuen Aufbruch liegt nicht allein in der Wahl des Datums. Die Synagoge steht nur wenige Gehminuten entfernt vom alten Münchner Rathaus, wo Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels mit einer hetzenden Rede die Reichsprogromnacht ausgelöst hat. Dass in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" nun in einer das Stadtbild prägenden Lage wieder ein jüdisches Gotteshaus steht, stimmt Knobloch und ihre Gemeinde hoffnungsfroh.

Oberbürgermeister Ude trieb Bau voran

Die Zentralratsvorsitzende hatte am 9. November 1938 als junges Mädchen selbst in München jüdische Geschäfte brennen sehen. Während in anderen Städten auch die Synagogen brannten, hatte München zu diesem Zeitpunkt schon keine Hauptsynagoge mehr. Das 1887 ebenfalls im Stadtzentrum erbaute Gotteshaus war bereits Monate vorher abgerissen worden. Verkehrspolitische Gründe hatten die Nazi-Machthaber für den Frevel vorgeschoben, gleichzeitig den Bau aber auch als "Schandfleck" beschimpft. Dass das neue Gebäude wieder an hervorgehobener Stelle steht, verdankt Knobloch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Dessen Vorgänger hatten der jüdischen Gemeinde nur am Stadtrand Gelände für eine neue Synagoge angeboten. Als Ude ins Rathaus zog, machte er das Projekt eines Neubaus im Stadtkern zur Chefsache.

Vor mehr als zehn Jahren begannen die Planungen, vor drei Jahren die Bauarbeiten. Entstanden ist ein 28 Meter hohes Gebäude, das aus zwei aufeinandergestellten Kuben besteht. Der untere Kubus ist fensterlos und vollkommen mit Naturstein verkleidet, er symbolisiert den Salomon-Tempel in Jerusalem. Darauf steht ein Glasquader, der den darunter liegenden Gebetsraum beleuchten und gleichzeitig den Blick der Betenden gen Himmel ermöglichen soll. Neben der Synagoge gibt es auch noch ein neues Gemeindezentrum am Jakobsplatz: Dazu gehören Bibliothek, Sporthalle, Volkshochschule, Grundschule, Kindergarten, Verwaltung, Gemeindehaus, Museum und Café, die allesamt auch für Menschen nicht-jüdischen Glaubens offen stehen. Die Gesamtkosten der Gebäude betragen über 70 Millionen Euro.

Zweitgrößte Gemeinde Deutschlands

Die mit Hilfe vieler Spenden entstandenen großzügigen Gebäude werden auch den gewachsenen Ansprüchen und Bedürfnissen in der Münchner jüdischen Gemeinde gerecht. Hinter Berlin ist es mittlerweile die zweitgrößte Gemeinde Deutschlands, in diesem Jahr wurde das neuntausendste Mitglied aufgenommen. So viele Juden gab es in München auch zu Beginn der Schreckensherrschaft der Nazis. Der Anstieg der Mitgliederzahlen geht vor allem auf einen Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion zurück.

Die von Knobloch zum "Tag der Freude" erklärte Eröffnung wird allerdings auch von einigen Schatten begleitet. Weil vor drei Jahren eine Gruppe um den mittlerweile wegen terroristischer Machenschaften verurteilten Neonazi Martin Wiese einen Sprengstoffanschlag auf die Grundsteinlegung geplant hatte, gelten am Donnerstag höchste Sicherheitsvorkehrungen. Die Öffentlichkeit darf die neuen Räume deshalb erst am Sonntag bei einem Begegnungsfest besichtigen. Dann soll das jüdische Leben aber endgültig wieder seinen festen Platz im Münchner Alltag haben.

(tso/AFP)

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