Kultur : Jüdisches Museum: Amnon Barzel: Hallelujah!

Amnon Barzel[Kurator],Museumsberater[war von]

Jene Hunderte von Galagästen, die mit Champagnergläsern die Achse des Holocaust entlangschlendern, jene Tausende, - die zur Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin (JMB) dessen exzentrische Mahnmal-Architektur betreten werden, wissen vielleicht nicht, dass all das die Frucht eines großen Kampfes ist, der darum ging, ob dieses Gebäude ein Jüdisches Museum sein solle. Seine Geschichte ist auch ein Reflex der Geschichte der Juden in Deutschland.

Als das Museum geboren werden sollte war es ein must; doch wenn du etwas ohne Liebe tust, kann nichts Gutes dabei herauskommen. 120 Millionen hatte Berlin beschlossen, für das Gebäude eines Jüdischen Museums auszugeben. Anfang 1995 erklärte der Senat, nicht ein Jüdisches Museum werde darin einziehen, sondern das Stadtmuseum; dem Jüdischen Museum gebe man das Untergeschoss. Die Unterdrückung kam in Gang. Ein Gesetz zur Gründung des Stadtmuseums verfügte, dass die Sammlungen des Jüdischen Museums diesem nicht gehören. Es kamen Warnungen, der Museumsdirektor solle herausgeworfen werden. All jene "wichtigen" politischen Figuren von Berlin, die jahrelang zur Beerdigung des Jüdischen Museums im underground beigetragen haben, treten dieser Tage als die Helden der Eröffnungs-Fiesta auf. Doch geendet hat der nahezu aussichtslose Kampf mit einem Sieg, den das opening an diesem Wochenende in gewisser Weise symbolisiert: Es ist nun das größte Jüdische Museum in Europa, es ist unabhängig vom Berliner Senat, es hat sein eigenes Budget. Als unsere diesbezüglichen Forderungen Anfang 1995 erstmals aufkamen, nannte man sie verrückt, realitätsfern. Dass jetzt doch ein Sieg daraus geworden ist, verdankt sich auch der Courage einiger Journalisten, die wenige waren, denen aber viele andere folgten.

Jetzt, da das Museum eröffnet wird, habe ich kein Interesse mehr, damit befasst zu sein. Meine Mission, die mir niemand aufgetragen hatte, habe ich erfüllt. Aber während des Kampfes erinnerte ich mich immer wieder jener, die nicht mehr existieren, weil sie vernichtet wurden. Ich hatte das Gefühl, sie repräsentieren zu müssen. Ich erinnerte mich meiner Erziehung in Israel, die besagte, dass man nie verlieren darf, und der drei Kriege, an denen ich teilgenommen habe, Überlebensanstrengungen der Juden in Israel. Nicht nur Masada war dafür das Modell, auch die Geschichte der Juden in Deutschland. Das einzige Mal in meinem Leben, dass ich - spontan, während einer Konferenz - sagte "Ich bin stolz, Jude zu sein, es ist ein Privileg", war in Berlin. (In Israel denken wir so etwas nicht.) Berlin hat mich bereichert, weil ich dort meinen Wurzeln, meiner Kultur näher gekommen bin.

Nach der Startphase des JMB wird der Museumsdirektor zu seinen amerikanischen Geschäften zurückkehren, sein Projektdirektor zu pazifischen Gestaden und das Team kann mit der Arbeit beginnen. In Berlin gibt es viel mehr Neugier und Sensibilität für die jüdische Geschichte Deutschlands und Osteuropas als in Israel. Dort interessiert man sich weder für das Mahnmal noch für das Jüdische Museum. Dieses Museum muss ein Motor werden, der Information durch Erfahrung verbreitet. Information ist die Mauer gegen Ignoranz. Ignoranz ist der Ursprung des Hasses. Das Museum muss zum Zentrum der Bildung und Toleranz werden, nicht nur in Bezug auf die Juden. Wir leben in einer Welt des displacement. Eine Welt ohne Grenzen muss vorbereitet werden. Ich rede auch von dem Gefühl, im Exil zu sein. Darüber, dass immer mehr Juden in Deutschland sich als Fremde fühlen. Kein deutscher Jude wird sagen: Ich bin Deutscher, keiner will nur "Mitbürger" sein in seinem Vaterland. Vielen hat der lange Kampf um ein Jüdisches Museum bewusst gemacht, wo sie leben. Auch diese Entfremdung der Juden im Deutschland von heute müsste Thema sein für das JMB. So wie das Museum Verständnis zeigen muss für Israels Geschichte, seine Kunst, Kultur, Wissenschaft, die vorangebracht wurden durch Juden aus Deutschland und Berlin.

Das JMB braucht Künstler und Wissenschaftler mit Herz und Hirn, die uns über unsere Gesellschaft erzählen, unsere Historie, über uns selbst. Die ganze Geschichte existiert heute: in unserem Wissen, unserem Gedächtnis. Gedächtnis gibt es nicht in der Vergangenheit, nur im Jetzt: Das war meine Idee eines zeitgenössischen Jüdischen Museums für Kunst und Geschichte. Bislang dominierten politische Strategien die Museums-Genesis, in einem Kampf, der wunderbar und hässlich war, wie das Leben selbst. Jetzt ist der Moment, auf den Erfolg, dass wir in Berlin ein Jüdisches Museum haben, stolz zu sein. Nun sind junge Generationen begabter Forscher und Künstler an der Reihe, den wirklich interessanten Inhalt dieses Museums zu erschaffen. Hallelujah!

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