Jüdisches Museum : Ausstellung zeigt NS-Raubkunst

Eine Schau im Jüdischen Museum Berlin zeigt Raub und Rückgabe von jüdischem Kulturgut. Dabei soll aufgezeigt werden, dass der Kunstraub den Juden nicht nur Eigentum, sondern auch Heimat und Identität nahm.

Louisa Thomas[ddp]

BerlinAls die NSDAP am 12. Dezember 1938 die "Verordnung über die Ausfuhr von Jüdischem Besitz" erließ, traf dies nicht nur private Kunstsammler und -besitzer. Auch für den Kunsthändler Jacques Goudstikker muss das Gesetz wie ein Stich in das Herz gewesen sein. Er gehörte in den dreißiger Jahren zu den führenden Kunsthändlern der alten Meister in Amsterdam, zu seinem Besitz zählten circa 1400 Gemälde, Bildwerke, Zeichnungen und Grafiken. Doch er war eben auch Jude. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Niederlande im Mai 1940, war es auch Goudstikker verboten, mit seinen Kunstwerken zu emigrieren. In der Ausstellung "Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute" der Jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt wird in Berlin ab Freitag (19. September) auch Goudstikkers Schicksal nachgezeichnet.

NS-Raubkunst und deren Rückgabe sind auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende noch brisante Themen, denn die Zahl der ungeklärten Fälle gilt als groß. Kunsthistoriker rechnen mit einer Zunahme der Rückforderungen jüdischer Erben. Mit der Washingtoner Erklärung hatten sich die Unterzeichnerländer 1998 verpflichtet, während der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine gerechte Lösung zu finden. Für besonderen Aufruhr sorgte das Gemälde "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner, dass 2006 vom Land Berlin an die Enkelin des früheren jüdischen Besitzers ausgehändigt wurde.

Schicksale der jüdischen Eigentümer werden thematisiert

Die bis 25. Januar laufende Schau im Jüdischen Museum zeichnet nach Angaben des Museums die historischen Abläufe, Zusammenhänge und Folgen des "europaweiten Raubzuges der Nationalsozialisten" nach. Im Mittelpunkt stehen einzelne Kulturgüter, die während der NS-Zeit ihren jüdischen Besitzern entzogen wurden - von Gemälden, Büchern und Dokumenten bis zu Silberarbeiten, Keramiken und Privatfotografien. Zudem werden die Schicksale der jüdischen Eigentümer thematisiert.

"Die Nationalsozialisten waren der Ansicht, dass Juden keine und schon gar keine deutsche Kultur verbreiten konnten", sagte Raphael Gross, Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt Main. Deshalb beschlagnahmten die Nationalsozialisten jedes noch so kleine Dokument, schleppten eine ganze Bibliothek mit erbeuteten Büchern zusammen und wurden zu "Raubrittern ersten Ranges", wie es der Berliner Museumsdirektor Michael Blumenthal ausdrückt. Hitler, Göring und andere hätten die Unschuldigen zuerst enteignen lassen, um anschließend untereinander um die größte Kunstsammlung zu konkurrieren.

"Ich muss verlassen, was ich liebe"

"Mit dem Kunstraub nahm man ihnen nicht nur ihr legales Eigentum, sondern auch ihre Heimat und ihre Identität", sagt Gross. Die Ausstellung des jüdischen Museums verdeutlicht das. Als Goudstikker 1940 floh, musste er sein Lebensumfeld, sein Geschäft und auch seine unzähligen Alten Meister in Amsterdam zurücklassen. Damals schrieb er: "Es ist unwahrscheinlich, dass ich dieses Land, das ich so liebe, verlassen muss, ebenso wie alles, was ich aufgebaut habe und was ich liebe." Noch auf dem Fluchtschiff nach Amerika starb der Kunsthändler, ein Teil seines kostbaren Besitzes fiel in die Hände Hermann Görings.

Die Ausstellung des Jüdischen Museums verfolgt den Weg von Goudstikkers Werken auch in den Nachkriegsjahren weiter und zeigt den Kampf seiner Erben um den Familienbesitz. Im Mittelpunkt steht Marei von Saher, Goudstikkers Schwiegertochter, die erst sechzig Jahre nach dem Tod ihres Schwiegervaters ihrem Erbe ein Stück näher kommt. Auf Empfehlung der niederländischen Restitutionskommission und nach einer gescheiterten Klage erhielt die Jüdin 2002 rund 200 Werke - einen Bruchteil ihres Erbes - zurück. Auf eine Entschuldigung wartet Marei von Saher allerdings bis heute. In einem Video der Ausstellung erzählt sie: "Es muss keine Entschuldigung sein, aber wenigstens ein 'Wir waren im Unrecht'". Den restlichen Familienbesitz, vermutet sie, würden wohl noch ihre "Urururenkel" suchen.

Dass die Ausstellung Fakten liefere und jeden zu Wort kommen lasse, war den Verantwortlichen des Jüdischen Museums wichtig, sagt Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums. "Wir wollen nicht Partei einnehmen, sondern in dieser kontroversen Debatte Hintergründe und verschiedene Positionen erklären."

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