Kultur : Jüdisches Museum: Das vierzehnte Segment

Thomas Lackmann

Schließlich führt die Treppe, aus den Tiefen des Untergrunds, beklemmend hoch hinauf. Doch wer sie wirklich emporsteigen will, ist zuvor durch das Portal eines vom preußischen Staatswappen und den allegorischen Figuren Caritas und Justitia bewachten Barockgebäudes in den Keller gestiegen. Ja, Liebe und Gerechtigkeit krönten eben noch, beim Eintritt, den Giebel des ehemaligen Berlin Museums, das der Besucher bereits hinter sich gelassen hat, während er in den Bauch der Geschichte hinabtrudelt. Elf Stufen, Absatz. Zwölf Stufen, Absatz. 18 Stufen, die Sohle ist erreicht.

Zum Thema Fototour: Das Jüdische Museum in Bildern Wer den Ausstellungsrundgang durch das jüngste Jüdische Museum Europas korrekt beginnen will, kreuzt im Tiefgeschoss nur flüchtig jene zwei Korridorre, die als "Achse des Holocaust" und "Achse des Exils" bezeichnet sind, und begibt sich über die beinahe endlos scheinende Himmelstreppe, eine Art meditative Pilgerstraße, die "Treppe der Kontinuität", empor in den Libeskindbau. 18 Stufen: Wir sind wieder im Erdgeschoss, sehen durch kleine Kreuzfenster, grün und rot, draußen Hagebuttensträucher. 14 Stufen, Absatz, kein Fenster. 14 weitere Stufen: Wir stehen im ersten Stock, unter fünf diagonal gegen Gebäudewände sich stemmenden Betonbalken. Zwölf Stufen, Absatz. Zwölf Stufen Absatz. Zwölf Stufen Absatz. Zweiter Stock: Links startet der eigentliche Ausstellungsrundgang; rechts in Kniehöhe sind durch ein schmales Fensterband die aus Säulen im "Garten des Exils" sprießenden Olivenbäume zu sehen, daneben ragt der "Holocaust-Turm". Doch immer noch weiter, acht geheimnisvolle Stufen weiter hoch ins Nichts führt die Treppe, sie endet an einer weißen Wand.

Daniel Libeskinds Zickzack-Haus, bereits als Baustelle bewundert und ausführlich interpretiert, ist ein Metaphern-Labyrinth voller Rätsel und Bedeutsamkeiten. Doch müht sich die lehrreiche Ausstellung des Jüdischen Museums, das Mahnmal-Design und den vielschichtigen Eindruck dieses Gebäudes durch Eingängigkeit und Eindeutigkeit aufzuheben.

Der aus 13 Segmenten bestehende Rundgang durch "Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte" beginnt mit den Anfängen jenes Jahrtausends, aus dem ein Dokument Kaiser Konstantins überliefert ist, das Kölner Juden die Übernahme kommunaler Ehrenämter erlaubt. Er setzt sich fort im Mittelalter, mit einem virtuellen Flug durch das alte Worms, von samtenen Sprechern kommentiert: "Die Häuser waren häufig von blühenden Gärten umgeben. Unterschiedlichste Gerüche drangen auf die Bewohner von der Straße ein." Pappmaché-Säulen, Uralt-Bücher; eine Replik der "Synagoga" mit den verbundenen Augen aus dem Bamberger Dom; ein "Rechnertisch", der die berufliche Einschränkung der Juden dokumentiert; das Gemälde eines angeblichen Opfers jüdischer Ritualmorde als Hinweis auf Kreuzritterpogrome. Im Segment Glikl von Hameln dient die Autobiografie dieser Hamburger Kauffrau des 17. Jahrhunderts dazu, ferne Lebensweisen nahezubringen: Ein Faksimile ihres Ehevertrags illustriert das Thema Heiratsvermittlung, beliebige Reisetruhen und ein Tintenfass samt Federkiel verdeutlichen die urige Art ihres Jettens und Mailens. Ein zur Zieharmonika verfremdetes Porträt der Frauenbefreierin Bertha von Pappenheim, die sich als Glikl abbilden ließ, schlägt den Bogen zur näheren Vergangenheit.

In der Welt der Hof- und Landjuden steigt der Besucher die Karrieretreppe hoch, entlang an einer eindrucksvollen Porträt-Galerie, die mit Daniel Itzig, dem Finanzier des Preußenkönigs beginnt. Oben steht er einer Nachbildung des Käfigs gegenüber, in dem der Hofjude Josph Süß Oppenheimer hingerichtet wurde, hinter Gittern laufen auf Video - rassistische, romantisierende - Verfilmungen der "Jud Süß"-Story. Zu ebener Erde ist an einer Hörstation das 1965 aufgezeichnete Gespräch zweier Schweizer Pferdehändler zu hören, in deren Fachsprache viele hebräische Vokabeln integriert sind. Das Segment Moses Mendelssohn personalisiert durch eine Darstellung der Biografie des Berliner Philosophen und seines sozialen Umfelds die Epoche der Aufklärung. Der Abschnitt Religiöses Leben: Tradition und Wandel bietet einen Grundkurs zur Praxis des gläubigen Juden, von "Bar Mizwa" bis "Schabbat". Mit den Räumen Bürgertum und Familie, Albumfotos, goldgerahmten Ölgemälden und einem Weihnachtsbaum als Zeichen der Assimilation endet die erste Häfte des Rundgangs im obersten Stock. Ob der Weihnachtsbaum wenigstens beschnitten sei? fragen manche Besucher.

Die Ausstellungsdesigner Würth & Winderoll, denen auch das Bonner Haus der Geschichte anvertraut war, haben auf der Service-Ebene schlüssige Lösungen eingebaut. Es gibt Säulen mit Schubläden, aus denen Infotäfelchen herauszuziehen sind, oder hinter weiterführenden Fragezeichen Metallscheiben zum Aufklappen. Auf jedem Stockwerk finden Kinder Krabbelecken, mal unter romanischen, mal unter maurischen Bögen. Alle paar Meter steht eine rot gerahmte Leuchtbox mit der Kurzbiografie eines bekannten oder unbekannten Rabbis aus dem Mittelalter, einer sozial engagierten Verlegergattin des 19. Jahrhunderts, eines Emigrantensohnes, der nun als Historiker wieder in Berlin lebt. Solche kleinen Auflockerungselemente funktionieren besser als die ästhetisch bestimmende Makro-Dramaturgie des Unternehmens: Ausschnitte von Fotos oder Kunstwerken werden aufgeblasen und dominieren dann, als verdoppelnder Megazoom, den Raum - um die Kleinteiligkeit zu überwinden, den Wald der Vitrinen und Schauwände mit luftiger Emotionalität zu durchblasen. Aber dieser großzügige Rhythmus von Groß und Klein setzt sich nicht durch, die Ballung der Objekte steht dem entgegen.

Mit einer roten Biografie-Säule der Saloniere Rahel von Varnhagen beginnt, eine Treppe hinab, der zweite Teil des Rundgangs: Wege zur Gleichberechtigung. "Was ist es garstig, sich immer erst legitimieren zu müssen! Darum ist es ja nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein!" klagt die emanzipierte Intellektuelle. Eine weitere Karrieretreppe führt hinauf zur jüdischen Beteiligung an der Nationalversammlung in der Paulskirche. Modelle von Gotteshäusern markieren im Bereich Synagoge und Schule Baustile der Integration: die Angleichung der Architektur. Der virtuelle Monitorspaziergang durch die 1930 erbaute und 1938 zerstörte Bauhaus-Synagoge von Dessau ist ein aufregender Weg in das Abenteuer Moderne. Moderne und Urbanität hätte ein Höhepunkt des Rundgangs werden sollen, doch hebt sich die Menge der Zeugnisse des Großstadtlebens, der Kaufhausentwicklung, des Theater- und Musikschaffens, des Entertainments und der bildenden Kunst gegenseitig auf. Zwischendurch ist der Besucher aufgefordert, an einen Metallbaum Zettel zu hängen, auf die er schreiben soll, was Gleichberechtigung sei. Im Segment Ost und West geht es um das idealisierte Schtetl und die Wurzelsuche westlicher Intellektueller. Die Weimarer Republik steht für Vollendung und Ende der Gleichberechtigung. Sieben Phasen der Entrechtung und Vernichtung werden im Segment Nationalsozialismus aufgeführt, dann versperren weiße Stoffbahnen den Raum, auf denen Deportationsdaten und Menschenzahlen als Endlosfilm laufen. Der Weg gabelt sich: zum Ausgang in den underground - oder nach links zu zehn Statements und Erinnerungsfotos jüdischer Deutscher von heute, zwischen ererbtem Trauma und erwünschter Normalität.

Der rote Historienfaden dieser Dauerausstellung heißt, im Einklang mit der linearen, auf ein Ziel der Geschichte ausgerichteten jüdisch-christlichen Überlieferung: Fortschritt. Es geht um den Fortschritt der Gleichberechtigung, die sich unaufhaltsam verwirklicht und nur durch einen überraschenden, allerdings katastrophalen Betriebsunfall am Ende aus dem Gleichgewicht gerät. Der staatstragende Optimismus der Grundkonzeption könnte die emphatische Unternehmung auf Dauer mit ideologischem Gewicht beschweren. Seltsamerweise entspricht dem ausgestellten Hoffnungstenor nicht das Grundgefühl des Besuchers: Während der Ausstellung vorab vorgeworfen wurde, sie werde womöglich auf Emotionalität setzen, stellt sich nun das Gegenteil ein; die Fülle des Materials und die Art seiner Präsentation produzieren Distanz, nicht selten Kälte. Der Qualität ihrer Objekte haben die Regisseure mißtraut, sie nicht zur Geltung kommen lassen, haben den Dialog mit ihren Schätzen so wenig aufgenommen wie das Gespräch mit der verstellten Architektur: Der Generalbass jener architektonischen Leerstellen, Voids genannt, die das Gebäude als Koordinaten der Vernichtung durchziehen, ist kaum zu "hören"; man geht um die Hindernisse, irgendwie, herum.

Welche Aufgabe hat ein Jüdisches Museum? Es gibt Jüdische Museeen, die das Thema der Identität von verschiedenen Seiten beleuchten, so das Jewish Museum New York, wo diese Frage sowohl am Ende der Dauerausstellung steht als auch in aktuellen Wechselausstellungen behandelt wird. W. Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, ist Amerikaner; zur Eröffnung hat er die Hoffnung anklingen lassen, die Deutschen könnten sich irgendwann - wie seine Landsleute - auch mit der Akzeptanz eines interkulturellen Blindestrich-Deutschen anfreunden. Doch in seinem Museum spielt das Identitäts-Thema eine untergeordnete Rolle. Wer hier ausgestellt wird, gilt für den Besucher automatisch als Jude, auch wenn er es - wie der Antisemitismus-Gegner Ernst Troeltsch - nicht war, oder sich, wie die meisten Kinder des Moses Mendelssohn, vom Judentum abgewandet hatte. Das paßt zur Leichtfertigkeit der Eröffnungsinszenierung, die den Gustav Mahler als Komponisten der Eröffnungs-Symphonie als böhmischen Juden apostrophierte, ohne seinen eigenen Weg nur zu erwähnen.

Die Erwartungen waren unerfüllbar. Ein Jüdisches Museum darf die jüdische Opferrolle nicht verweigen, es darf aber den Holocaust nicht marginalisieren. Wie soll die Gratwanderung gelingen? Wer nicht den Rundgang von Anfang an geht, sondern quer einsteigt, gerät im Erdgeschoß in den Memnory Void, wo die Installtion von Menashe Kadishman liegt, "Gefallenes Laub", 10 000 Metallgesichter: eine Schädelstätte, eine Schutthalde, ein Hinterhof der Genozid-Geschichte. Wer wiederum im Untergeschoss die "Achse des Holocaust" entlang geht, kommt in den "Holocaust-Turm": die Metalltür schlägt zu, kein Design, Stille, Kälte, Dunkelheit; ein Lichtstreif ganz oben - wenn es Tag ist.

Wer die Achse des Exils entlang geht, wie es dem Reporter geschah am Abend der Eröffnungsgala, als unter der Schirmherrschaft von Caritas und Justitia jene rund 100 000 Juden in Deutschland, die größtenteils arme Immigranten-Schlucker sind, vom neofeudalen Hofstaat der Berliner Republik repräsentiert wurden, der steht vor einer Fensterscheibe am "Garten des Exils". Draußen ist es dunkel. Regen. Die Olivensproße in den Betonsäulen sind jetzt nicht zu sehen. Zwei Männer gehen umher. Einer legt die Stirn an den Beton, als wolle er beten, lauschen oder weinen. Er habe sich, sagte Max Liebermann - so steht es auf einer roten Biografie-Säule in der Ausstellung - "im Traume der Assimilation hingegeben . . Ich bin aus dem Traume erwacht".

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