Kultur : Jüdisches Museum: Genesis

Thomas Lackmann

Scharfe Kanten. Schießscharten. Schräge Schlitze. Tote Winkel. Hohlräume. Schiefe Wände. Lange Treppen. Die Dramatik des Libeskindbaus an der Berliner Lindenstraße passt zur bewegten Entstehungsgeschichte des Jüdischen Museums, das morgen in diesem Haus seine Dauerausstellung präsentiert. 30 Planungsjahre, mehr als eine Handvoll konkurrierende Namensgebungen. Über 120 Millionen Mark Baukosten. Fünf Starttermin-Aufschübe. Drei Gründungsdirektoren: Der zweite sollte zum Richtfest des eigenen Instituts nicht mal reden dürfen, später wurde er gekündigt; der aktuelle lädt beide Vorgänger nicht mal zur Opening-Gala ein. Peinlichkeiten, Verstörungen. Lädierte Karrieren, ein zuletzt schwer angeschlagenes Berliner Stadtmuseum. Immer wieder: frostiger Unmut in der Jüdischen Gemeinde. Dann aber: museale Kraftakte, Promi-Aufmarsch. Skepsis, höchste Erwartungen. Hätte es nicht etwas entspannter zugehen können bei der schweren Geburt des Jüdischen Museums Berlin (JMB)?

Schon einmal eröffnete ein Berliner Jüdisches Museum: in der Oranienburger Straße, wenige Tage vor Hitlers Wahl zum Reichskanzler. Europas Jüdische Museen, wie sie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, sollten Traditionen der assimilierten Juden vor dem Vergessen bewahren, eine Selbstdarstellung der Minderheit ermöglichen. Dabei tauchte - auch beim Start des ersten Berliner Jüdischen Museums - die Frage auf, nach welchen Kriterien überhaupt "jüdische Kultur" zu bestimmen sei. Definiert sich das Judentum über die Religion, ein jüdisches Museum demnach über Kultgegenstände (Judaica)? Oder gilt eher die ethnisch-politische Definition der Zionisten? Haben jene assimilierten deutschen Juden Recht, die eine Unterscheidung jüdischer von irgendwelcher anderen Kunst ablehnen?

Nach dem Novemberpogrom 1938 blieb das Museum an der Oranienburger Straße geschlossen. Seine Kunstschätze wurden konfisziert, verschleppt. Seine Direktoren hatten noch emigrieren können. Das Museum gehörte der Jüdischen Gemeinde. Später, im Berlin der 70er Jahre, wird diese Tatsache eine Rolle spielen: Das nunmehr geplante neue Jüdische Museum soll keinesfalls von der lokalen Museumslandschaft separiert werden, seine "Ghettoisierung" will man unbedingt vermeiden.

Berühmt wird schon die Baustelle

Untrennbar müssen Jüdisches und Berlin Museum verbunden sein: Das fordern in den 80er Jahren, nach den ersten Aufbaujahren einer jüdischen Stadtmuseumsabteilung, die Museumsexperten. Man spricht vom "integrativen Modell". Und entscheidet sich doch, auf der Suche nach einem neuen Gebäude, für Daniel Libeskinds Entwurf, dessen ungestümer, so genannter Erweiterungsbau den nebenstehenden Barockbau des Berlin Museums fast erschlagen muss. Schon die Baustelle wird berühmt als Jüdisches Museum, während die Berliner Kulturverwaltung nach wie vor plant, darin neben der jüdischen Abteilung vorwiegend andere Sammlungen des Stadtmuseums unterzubringen. Will Berlin ein Jüdisches Museum?

Ein radikales Konzept

Die Situation ist zwiespältig. Versteht man in Berlin unter "Integration" so etwas wie "erdrückende Umarmung"? Mit der Berufung Amnon Barzels als Direktor des Jüdischen Museums tritt ein Israeli auf den Plan, der die verdrucksten Eiertänze des deutsch-jüdischen Verhältnisses missachtet. Er begreift, dass Libeskinds Architektur und die Öffnung der Stadt nach dem Mauerfall den kleinteiligen Senats-Plan ad absurdum führen.

Gegen ein Stadtmuseum, das die Judaica im Gebäudekeller einquartieren und in seinem lokalhistorischen Rundgang den jüdischen Anteil quasi unterheben will, setzt er ein radikales Konzept: Im Libeskindbau müsse Berlin-Deutschland-Geschichte ab 1671 aus der jüdischen Perspektive erzählt werden, der rote Faden ist das - umstrittene - Thema Integration. Wechselausstellungen sollen Debatten der Gegenwart inszenieren, den Dialog der (in alle Winde zerstreuten Berliner) Juden mit den Fragen der Welt.

Barzel, dem Querkopf, wird 1997 gekündigt, als erstem jüdischen Museumschef nach 1945. Da hat die Jüdische Gemeinde bereits ihre Museums-Mitarbeit eingefroren. Skandal! Und Verblüffung: Es gelingt dem neuen Direktor W. Michael Blumenthal, einem amerikanischen Ex-Minister, alle Autonomie-Forderungen seines Vorgängers durchzusetzen. Das "integrative Modell" ist gescheitert: Jene versöhnungspädagogische Wunschvorstellung der 70er, 80er Jahre, die (auch zur Beförderung eigener Interessen) vorgab, dass eine gemeinsame deutsch-jüdische Erinnerung "danach" bereits wieder möglich sei. Freilich passt die steinerne Demonstration der komplizierten Spannung zwischen Minorität und Majorität zu Blumenthals Historienhaus genauso wenig: Deshalb wird der vergleichsweise kleine Altbau des Berlin Museums nun dem expandierenden Jüdischen Museum zugeschlagen. "Zweitausend Jahre deutsch-jüdische Geschichte" lautet das Programm des zum Bundesinstitut gewandelten Nationalmuseums. Sein opening wirft die Schatten eines glamourösen Staatsaktes voraus. Die bizarre Geschichte des Jüdischen Museums Berlin hat wohl erst begonnen, doch hätte sie glimpflicher kaum verlaufen können: Fortsetzung und Spiegelung eines deutsch-jüdischen Zwillingstraumas, das seine Nachgeborenen tiefer spaltet, als es das Selbstverständnis der Berliner Republik erlaubt.

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