Kultur : Jüdisches Museum: Tom Freudenheim: Landschaft ohne Angst

Tom Freudenheim[stellvertretender Direktor des JM]

Für einen Amerikaner ist die Idee eines Jüdischen Museums nichts ungewöhnliches, obwohl das Ganze etwas exotisch schien, als ich vor 40 Jahren erstmals in solch einem Museum arbeitete. Mittlerweile funktionieren diese spezialisierten Institutionen routiniert, besonders in Städten mit jüdischen communities. Sogar in Deutschland mit seinen relativ wenigen Juden gibt es eine außerordentlich große Zahl an Jüdischen Museen. Aber während das New Yorker Jewish Museum zu einer Umgebung gehört, in der die Anwesenheit von Juden für selbstverständlich gehalten wird, kann man dasselbe keineswegs über Berlin behaupten. Dieser Punkt macht, mehr als die Frage, was das neue Jüdische Museum sein soll oder nicht, seine gespannt erwartete Eröffnung zu einem ungewöhnlichen Ereignis.

Meine Wünsche für das neue Museum betreffen weniger seine Ausstellungen als seine langfristige Auswirkung. Die Start-Präsentation ist nur eine erste von vielen. Libeskinds provokatives Gebäude wird Generationen von Kuratoren und Designern herausfordern, die Bedeutung von Raum, Maßstab genauso zu überdenken wie die Bedeutung narrativer Elemente. Mein Traum betrifft den Kontext des Museums. Wird es immer ein besonderes Haus bleiben wegen der Geschichte, auf der es begründet ist? Wegen seiner kühnen Architektur ist es bereits eine der größten Berliner Touristenattraktionen. Aber sollen auch die Juden in Berlin, in Deutschland, zu historischen und anthropologischen Touristenattraktionen werden? Trotz allem sind sie Deutsche - einige von Geburt, einige von anderswo - die sich nicht einzig über ihr Judentum definieren. Einige sind aufgrund ihrer Kleidung als Juden zu erkennen; die meisten nicht. Einige sind praktizierend religiös; viele nicht. Einige ernähren sich koscher; andere nicht. Nicht alle sind Mitglieder der offiziellen Gemeinde. Sie sind keine Israelis, obwohl diese Identitätskonfusion gelegentlich kursiert. Aber natürlich gibt es Israelis - und Amerikaner, Briten, Kanadier etc. - unter den Juden von Berlin.

Trotz all der Witze über den modischen Multi-Kulti-Ansatzbleibt die Frage der jüdischen Identität und Identifikation ein Hauptproblem, dem man sich in Deutschland stellen muss. Ein jüdisches Museum ist nicht der beste Platz zu erfahren, was Juden sind, so wenig wie das Wesen der Mayas im Museum für Völkerkunde verstanden werden kann oder der Islam im Museum für Islamische Kunst. Doch können solche Schauplätze unsere historisch-kulturelle Wertschätzung erweitern. Gewiss bildet die Geschichte der Juden in deutschen Landen - mit ihren Höhen und Tiefen - einen hilfreichen Hintergrund zur Vermehrung unseres Allgemeinverständnisses der deutschen und der jüdischen Geschichte. Aber das erklärt nicht die Juden als solche.

Deshalb wünsche ich diesem wunderbaren Museum, dass es den Leuten helfe, die Juden eher als gewöhnliche Menschen zu verstehen denn als außerordentliche. Unsere Aufmerksamkeit muss auf die Beziehungen zwischen jenen Leuten gerichtet sein, die heute in Deutschland leben. Allerdings bemühen sich bereits weltweit viele Museen um gerade diese Themen, ohne dass daraus ein erkennbarer Einfluss auf die Interaktion der betreffenden Gruppen erfolgt wäre. Andererseits: Es gab noch nie ein Museum wie das neue Jüdische Museum Berlin (JMB), darum sollten wir seine Perspektiven optimistisch sehen. Falls das Museum Erfolg damit hat, die Empfindlichkeiten zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen umzuadressieren, könnte sich das positiv auf andere Gruppen in Deutschland auswirken. Die Deutschen selbst brauchen ein neues Verständnis von ihrer eigenen kulturellen und ethnischen Komplexität, mehr noch als die Emigranten aus Osteuropa, dem Mittleren Osten, Afrika und jener Vielzahl von Ländern, die Berlin zu solch einer vibrierenden Stadt machen. Auch in dieser Hinsicht spielen Juden in Berlin eine Rolle, nicht weniger bedeutend als die des Museums. Sie müssen sich wieder als verantwortliche deutsche Bürger akzeptieren, weniger als Opfer. Die meisten von uns, jüdisch oder nicht, wollen als normale Leute akzeptiert werden.

Ich freue mich auf den Tag, wenn dieses herrliche Haus ein fester Bestandteil der Museumslandschaft geworden ist: Was bedeuten wird, dass seine Ausstellungen auch negativ kommentiert werden können. Das wird erst geschehen, wenn die Deutschen keine Angst mehr haben, dass jeder nicht ganz positive Kommentar zu jüdischen Angelegenheiten als antisemitisch betrachtet wird. Das JMB bietet eine Gelegenheit, die deutschen Ideen von Nationalität, Ethnizität, Religion und Multikulturalität neu zu definieren. Es mag uns über die Vergangenheit informieren: Wie es unsere Zukunft herausfordert, das ist für uns alle noch wichtiger.

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