Kultur : Jüdisches Museum: Überdosis Überdur

Jörg Königsdorf

Hoffen wir auf die autonome Überzeugungskraft der Musik: Vielleicht hat der hypertrophe Fanfarenjubel, der im Finale von Gustav Mahlers siebter Sinfonie nicht enden will, doch den einen oder anderen Festgast stutzig gemacht, ob das wirklich so affirmativ gemeint war. Ob Michael Blumenthal Recht hatte, als er in seiner vorangegangenen Begrüßungsrede zum Eröffnungskonzert seines Jüdischen Museums in der Philharmonie nur von "einem Ende voller Freude und Optimismus" sprach, und ob Daniel Barenboim mit dem Chicago Symphony Orchestra gut daran getan hatte, dieses Finale in "Überdur" (Adorno) einfach nur als bedenkenlose Potenzierung von Wagners volksfestlich jubelnder "Meistersinger"-Ouvertüre zu spielen.

Zum Thema Fototour: Das Jüdische Museum in Bildern Mahler hatte es sein müssen, als "gutes Beispiel für das, was wir im Jüdischen Museum zeigen wollen" (Blumenthal). Die Siebte war offenbar wegen ihres verlockend festakttauglichen per-aspera-ad-astra-Verlaufsplans ausgewählt worden. Es beginnt mit einem Trauermarsch, folgen ein düsteres Nachtstück und ein gespenstisches Scherzo, bis zum Schluss, nach einem kurzen Besinnungsintermezzo, das Finalfeuerwerk gezündet wird. Klingende Vergangenheitsbewältigung und Wiedergutwerdung in neunzig Minuten, Mahler als vorausahnender Soundtracklieferant zur Geschichte, so einfach ist das.

Wäre da nicht die Musik selbst, die sich solchem Zugriff letztlich entzieht. Warum hat Barenboim sich nicht dazu entschließen können, angesichts des musealen Vereinnahmungsversuches die Autonomie des Werks aufrecht zu erhalten? Etwa das Finale als bombastischen Leerlauf zu enttarnen oder das Gegeneinander von Auffahrendem, Abstürzenden, Transzendierendem und Überschwänglichem als mahlersche Seelen-Zerrissenheit hörbar werden zu lassen? Eine solche Interpretation hätte in ihrem Spannungsverhältnis aus Zugehörigkeit zur Tradition und dem gleichzeitigen Bewusstsein des Ausgeschlossenseins sogar zum bewegenden Zeugnis jüdischer Identitätssuche werden können - zum tauglichen, weil unmusealen Exponat eines imaginären jüdischen Museums.

Doch Barenboim dirigiert lediglich die geglättete Oberfläche des Werks, als seien die vier ersten Sätze nur Zwischenstationen auf dem Weg zur Festlichkeit. Schon den Trauermarsch fehlt die innere Energie, die den Gegensatz von ausgreifender Schreitbewegung und Stocken aufladen müsste. Das Werk wird zur Präsentation einer weitgehend reibungslos funtionierenden Orchestermaschinerie: Allzu genüsslich spielen die Solisten ihre instrumentale Virtuosität aus. Daneben bleibt kein Raum mehr für die fahlen, nachtseitigen Stimmungen der Mittelsätze. Musik fürs Museum.

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