Kultur : Jüdisches Museum: Vera Bendt: Die eigene Geschichte

Die Museumswissenschaftlerin Vera Bendt leitete 19

"Wiedergutmachung" für die historische Schuld des Nationalsozialismus war ein Fundament der Demokratie in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik. Dies wurde von der Politik der BRD auch dann vertreten, wenn einzelne Politiker hierin einen Akt der Selbstverleugnung sahen. Wirtschaftliche und politische Interessen waren westlich orientiert. Keine Person des öffentlichen Lebens konnte am Schuldprinzip Anstoß nehmen, ohne sich zu diskreditieren. Im Gegensatz dazu galt in der DDR, dass durch die Einbeziehung in das östliche Bündnis die DDR "frei" sei von der historischen Schuld des Nationalsozialismus und keinen Anteil hätte am Kollektiv der Täter. Das bestimmte auch die Haltung gegenüber Israel und gegenüber dem deutsch-jüdischen Verhältnis. Die Wende vom 9. November 1989 leitete eine neue Ära im Verhältnis von Schuld und Wiedergutmachung in Deutschland ein. Vor diesem Hintergrund ist der Plan, ein Jüdisches Museum in Berlin aufzubauen, in all seinen Details ein politisches Ereignis, das sich über einen Zeitraum von ca. 25 Jahren erstreckte. Es lag in Händen der Verwaltungsbürokratie. So konnte es beinahe verhindert werden.

Einzig und allein die Tatsache, dass Michael W. Blumenthal bereit war, das Jüdische Museum ab 1998 in der Position des Direktors zu leiten, hat eine kulturpolitisch auf abschüssigem Gleis rollende Lokomotive daran gehindert, ihr Ziel zu erreichen. Entsprechend laut ist der Posaunenschall des Löwen als Neujahrsgruß des jüdischen Jahres 5762 und des Auftakts zum Jüdischen Museum Berlin (JMB). Der Vorhang hebt sich am 9. September nach den Jahrzehnten der Planungszeit für eine neue Ära der Museumsgeschichte. Das Publikum soll in Scharen strömen, um eine unterhaltsame Zeitreise in die 2000 Jahre alte Geschichte der Juden in Deutschland anzutreten. Unwillkürlich kreist ein Gedanke um die Frage, wie im JMB mit der eigenen Geschichte umgegangen wird. Diese Frage wird Historiker noch lange beschäftigen, aber eins steht bereits jetzt fest: Wer Vergangenes verdrängt, wird an der eigenen Zukunft scheitern.

Ein zweiter Gedanke kreist um Architektur, Namen, Erinnerung, Gedächtnis. Einer, der von Architekturfreunden als Idealist und Urheber der Emotionellen Architektur geschätzt wird, ist Mathias Goeritz. Er emigrierte in der NS-Zeit aus Berlin und starb 1990 in Mexiko. Goeritz baute 1953 in Mexico City das Museum El Eco mit der berühmt gewordenen Schlangen-Skulptur, den Turmwänden im Gebäude und seinen ersten Satelliten-Turm. Die Leitlinien seiner Ideen, Bauten, Skulpturen und künstlerischen Werke finden sich in der Architektur des JMB wieder. Am Tag seiner Eröffnung fällt dem JMB das Vermächtnis zu, die Erinnerung an Mathias Goeritz zu bewahren und den Namen des großen Architekten in der Galerie der Vergessenen zu verewigen. Eine Forschungsabteilung des JMB könnte nach Mathias Goeritz benannt werden.

Ein dritter Komplex, der im Gedanken an die Zukunft des JMB nachdenklich macht: Wie geht das JMB damit um, dass zur Durchsetzung des Bauprojektes die tiefenpsychologische Angst des deutschen Intellektuellen ausgenutzt wurde? Die Angst nämlich, als Antisemit abgestempelt zu sein, wenn man einen Juden kritisiert. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Durch die Ausschaltung museumswissenschaftlicher Expertise sind hohe Belastungen entstanden. Die Angst vor Kritik ist in Zukunft nicht länger eine Entschuldigung, bautechnische Mängel zuzulassen. Dies gilt auch für Mahnmale mit einer Zerfallsfrist von vielleicht 15 oder 20 Jahren. Sie sollten nicht gebaut werden. Lea Rosh möchte mit ihrem Förderverein bereits heute den Spendenfonds für die nötigen Rücklagen bilden, um in 20 Jahren die zerfallenden Stelen des Holocaust-Mahnmals reparieren zu können. Es wäre besser, dieses Mahnmal zu den Akten zu legen und die Spenden dem JMB für seinen Sanierungsfonds zu überweisen. Das Jüdische Museum ist Mahnmal und Museum in einem und erfüllt als solches einen politischen Zweck. Kritikfähigkeit ist hier gefragt, um zu verhindern, dass mit dem Antisemitismus-Vorwurf nicht nur Rationalität, sondern auch der gesunde Menschenverstand immer wieder neu auf der Strecke bleibt.

Zur Eröffnungsgala am 9. September dirigiert Daniel Barenboim das Chicago Symphony Orchestra. Die Musik erklingt auch für Mathias Goeritz, der die Architektur des Neubaus prägte. Neben ihm steht der Name der früheren Museumsdirektorin Irmgard Wirth, die ab 1971 die Idee einer jüdischen Abteilung im Stadtmuseum vorantrieb und wie Goeritz als "geistige Urheberin" des Jüdischen Museums gelten kann. Im 21. Jahrhundert kommt dem JMB die Rolle zu, an die Vergangenheit der Juden in Deutschland zu erinnern. Aber auch die Zukunft will bewältigt werden. Sich um Menschen zu bemühen, die beim Aufbruch in neue Zeitalter verdrängt und ihrer Existenz beraubt werden, könnte Zedaka (Gerechtigkeit) zum Wahrzeichen einer neuen Museumszukunft machen.

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