Kultur : Jürgen Fuchs: Der Dichter schreibt Amok

Lutz Rathenow

"DIESE ANGST / Auf halber Zeile: / Dass mein Stift / Zerbricht / Bevor alles gesagt / Und / Wer hört mich / Wenn ich schweige". So endet ein Zyklus von Gedichten des im letzten Jahr verstorbenen Dichters, Schriftstellers, Psychologen, Publizisten, DDR-Dissidenten und Sozialarbeiters Jürgen Fuchs. Heute wäre er 50 Jahre alt geworden. Sein Entdecker und Förderer, der Jenaer Literaturprofessor Edwin Kratschmer gab jetzt den Zyklus "Schriftprobe" zum ersten Mal vollständig heraus. Der Anfang eines Lebens als Dichter wird nachvollziehbar, dass dann den Dichter fast an den Rand drängte. Jürgen Fuchs ging es als Schüler und als Student der Sozialpsychologie in Jena und als angehender Autor immer auch um Zensur und Politik. Um das, was möglich war in der DDR und was unmöglich schien. Und damit einen wie Fuchs reizte, im lustvoll widerspenstigen, fordernden Ton trotzdem möglich zu machen. Da war früh in den Gedichten dieser klare und suggestive Ernst, der dem Leser vieldeutig entgegentritt. Als ahne einer das, was er noch nicht wissen kann.

"Papier, ich trage / Schuld: / Zu groß / der Abstand meiner Zeilen / Zu breit / dieser Rand / Zu wenig / Worte schrieb ich / auf dich / Wer weiß / wie viele Todesurteile / sich noch fertigen lassen / auf deinem Weiß" Da ist auch schon der Dissens zu den Oberflächlichkeiten der westlichen Mediengesellschaft zu spüren, der das Leben eines Jürgen Fuchs in den neunziger Jahren prägen wird. Und seinen zweifelnden und fast verzweifelten Versuch, in dem Roman "Magdalena" die höllische Präsenz der DDR-Vergangenheit in der Gegenwart herbeizu - nein, nicht zu erzählen - herbeizuschreien, zu flüstern, zu berichten oder herbeizudichten.

Jürgen Fuchs faszinierte und polarisierte. Er hatte faktisch nur Freunde und Feinde. Wenn er sich an einer Diskussion beteiligte, wirkte er sofort als Katalysator vorhandener Differenzen. Auch seine Gedichte versuchen, von der ersten Zeile an, die ganze Gesellschaft in den Blick und in die Zeilen zu bringen. Sie beeindrucken in ihrer Art einer Furcht nehmenden Striktheit. Vom Studium wegen seiner kritischen politischen Haltung exmatrikuliert, wohnte er eine Zeit lang bei seinem Freund, dem DDR-Kritiker Robert Havemann. Dort wurde Fuchs wegen der von ihm organisierten Proteste gegen die Ausbürgerung des Liedersängers Wolf Biermann 1976 verhaftet: Neun Monate in einer Zelle in Berlin Hohenschönhausen, dazu schrieb er den Band "Vernehmungsprotokolle". Das war dann schon in Westberlin, nach seiner unfreiwilligen Ausbürgerung. Später entstanden zwei Gedichtbände, zwei wichtige Bücher über die Armee in der DDR.

Es entstanden Theaterstücke, Aufsätze, Hörspiele, und immer wieder versuchte er, oppositionelle Freunde in Osteuropa zu unterstützen. Er packte Pakete, verwahrte Tagebuchnotizen und vermittelte Texte. Jürgen Fuchs ist heute einer der unbekanntesten und gleichzeitig am meisten verehrten Autoren dieser Republik. Seine Freunde waren Reiner Kunze oder Wolf Biermann, lyrische Vorbilder noch mehr Dichter wie Tadeusz Rozewicz oder der Franzose Guillevic. Die hohe Kunst, scheinbar ohne Metaphern vieldeutig zu wirken, spricht auch aus seinen schönsten Versen. Vielleicht sind seine beiden Gedichtbände nach der Ausreise in Westberlin seine intensivsten Texte: "Tagesnotizen" und "Pappkameraden". Sie verblüffen in ihrer sensiblen Kargheit. Sie wollen Spannungen aushalten. In der Dichtung wie im Leben.

Nach der deutschen Vereinigung tat Jürgen Fuchs sehr viel, um die Geister der deutschen Vergangenheiten auszutreiben. Er wurde vorwiegend als "Bürgerrechtler" oder Aufarbeiter der Stasi-Akten wahrgenommen. Das entsprach seinem Engagement und muss ihn geschmerzt haben. Ab 1994 rechnete er mit dem möglichen Tod. Sein Freund Edwin Kratschmer schreibt zu dem neuen, alten Gedichtband "Schriftprobe": "Jürgen Fuchs lebte kurz und intensiv in Dissens und Dissidenz... Er schrieb unter mehreren Zwängen und Drücken... und er schrieb zunehmend nahezu Amok."

Hatte er schon nicht die Zeit, alles zu schreiben, haben wir nun die Zeit, das Geschriebene zu lesen. Auf dem Titelbild seines Bandes "Tagesnotizen" findet sich folgender Text: "26. 8. 78 / Auf dem Weg zum Briefkasten / Sah ich zwei große Hunde / Auf den Rücksitz / Eines Autos springen / Sie bellten nicht / Sie saßen sofort still / Ich ging weiter / Als sei nichts geschehen."

Etwas Unerhörtes ist geschehen und geschieht täglich. Was es ist, bleibt ein Geheimnis. Die bedrohliche Stimmung dieser Hundehalterszene lebt von dem nicht Auserzählten, dem nicht in die pure Politik Übersetzten.

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